"Sie hatten das ja schon mal!"
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Ich bin krank. Schon wieder mal. Aber nein, keine Grippe oder Erkältung diesmal, auch keine Allergie.
"Sie hatten das ja schon mal", erinnerte man mich.
Ja, ich hatte das schon mal. Der Allgemeinarzt nannte es "arbeitsbedingte physische und psychische Erschöpfung", der Psychiater nannte es "mittelschwere depressive Episode" und ich nannte es "Ich kann einfach nicht mehr!!!" Und ich konnte auch nicht mehr: eines grauenhaften Morgens vor ein paar Jahren, als ich mal wieder die einzige Fachkraft im ganzen Haus war und neben meiner Arbeit auf meiner Station noch über alle anderen Stationen gehen und da Medikamente austeilen und Insulin spritzen musste, schlug mir eine Bewohnerin, die sehr verwirrt und ausserdem auch noch Diabetikerin war, die Spritze aus der Hand, und als sie das zum dritten Mal machte, hätte ich sie fast geschlagen. Fast. Und ich fand, dass "fast" schon viel zu nah an "geschlagen" dran war.
Ich schleppte mich durch den Frühdienst und anschliessend zum Arzt, der mich erstens krankschrieb und zweitens an einen Neurologen überwies, der mich nicht mal ansah und mir auch nicht zuhörte, während er seine Diagnose erstellte, mit der er mich ein Zimmer weiter zum Psychiater schickte. Und auf einmal hatte ich eine "depressive Episode".
Ich fühlte mich nicht depressiv, nur sehr müde und kaputt und auch sehr wütend auf alles und jeden, und der Psychiater, der sehr nett war und ein bisschen aussah wie ein Hobbit, meinte, dass ein Burnout so ziemlich das selbe sei wie eine depressive Episode. Er verschrieb mir Tabletten, die ich nicht nahm, weil ich die schon aus der Arbeit kannte und ziemlich gruselig fand, und nach sechs Wochen schickte er mich auf meinen Wunsch hin wieder in die Arbeit, und so ganz nebenbei empfahl er mir eine Psychotherapie, damit ich mir mal alles "von der Seele reden" könne.
Die Therapie ging von Anfang an nach hinten los, weil ich schon beim ersten Gespräch das Gefühl hatte, in eine Schublade gestopft zu werden. Ich will nicht behaupten, dass es wirklich so war, aber ich hatte eben dieses Gefühl. Ich ging fast vier Monate hin, einmal die Woche, was der Therapeutin nicht gefiel, weil die Therapie natürlich nicht so intensiv war, wie sie sich das gewünscht hatte, was anders jedoch nicht möglich war, weil ich ja schon wieder arbeiten ging und mich die Gespräche schon nach ein paar Wochen dermaßen anstrengten und belasteten, dass ich kaum über den Arbeitstag kam. Ich brauchte meist zwei, drei Tage, um mich wieder zu beruhigen, dann kam das Wochenende und anschliessend fing ich schon wieder an, mich vor der bevorstehenden Gesprächsstunde zu fürchten.
Ich weiss bis heute nicht, ob die Therapeutin nun eine besonders fähige oder aber eine besonders unfähige war, Fakt ist, sie hatte ihre ganz eigene Vorstellung vom Ziel der Therapie. Wogegen auch an und für sich nichts einzuwenden war...nur war ihr Ziel ein völlig anderes als das meinige. Ich wollte nicht dahin, wo sie mich gern hingehabt hätte, und schliesslich hatte ich jede Stunde aufs neue das Gefühl, ich stünde in der Pflicht, meine geistige Gesundheit zu beweisen.
Wenn du deinem Therapeuten beweisen willst, dass du nicht verrückt bist, dann kann das recht amüsant sein. Aber wenn er dazu übergeht, an den Gitterstäben zu rütteln, hinter die du deine ganz privaten Dämonen gesperrt hast, dann wird es unter Umständen verflucht ungemütlich. Vor allem, wenn du es dir aus irgendeinem Grund nicht leisten kannst, dich mit ihnen zu befassen und nur eins willst: dass sie sich ruhig verhalten.
Es war nicht unbedingt falsch, was sie da tat, nur waren die Umstände nicht günstig, denn ich musste ja arbeiten gehen, und sie klappte nach 50 Minuten ihre Kladde und damit auch meinen "Fall" zu, ich aber musste den Tag überstehen und konnte das, was da auf einmal durch meinen Kopf spukte, nicht mal eben so in seinen Käfig zurück jagen.
Am Ende war ich soweit, dass ich nach der Stunde heulend auf der Treppe vor der Praxis sass und wartete, bis mich mein bester Freund dort abholte, weil ich mich nicht auf die Strasse traute, teilweise war ich nicht mehr in der Lage zu arbeiten, und irgendwann war aus dem, was mir doch eigentlich helfen sollte, mir mal alles von der Seele zu reden, etwas geworden, wovor ich mich fürchtete, weil es mich fast schon an Selbstmord denken liess. Als ich das der Therapeutin sagte, wurde sie richtiggehend sauer...und ich ging nicht mehr hin.
Soviel dazu.
Aber angefangen hatte "das", was ich "schon mal hatte", eigentlich schon fast ein Jahr vor der Sache mit dem Insulin.
Da war ein Bewohner verstorben, und das kam mir hart an, denn auch wenn wir aus medizinischer Sicht und im Sinne der Grundpflege keinen Fehler gemacht hatten, so hatten wir ihn doch elend verrecken lassen. Er war nach einem Schlaganfall aus dem Krankenhaus zu uns zurück gekommen, der Arzt meinte: "Der kriegt nichts mehr mit", doch Fakt war: er bekam sehr wohl noch was mit, hörte uns, konnte reden, wenn man sich die Zeit nahm, konnte sich bewegen, wenn man ihn liess. Aber ach, woher Zeit nehmen, wo keine ist. Und wie ihn lassen, wenn das eben jene Zeit kostete, die man gar nicht hatte. So lag er in seinem Einzelzimmer, mit PEG, und alle paar Stunden kam einer von uns rein, zum Waschen, Lagern, Frischmachen, und keiner von uns, keiner, auch ich nicht, hat noch mit ihm gesprochen. Er war noch da...und wir liessen ihn allein. Und irgendwann ist er gestorben. Ein Fall von vielen, von unzähligen.
Er starb an einem Morgen im August, es war brütend heiss, und das Rollo an seinem Fenster, das sich nicht schliessen liess, war kaputt, so dass ab Mittags die Sonne in sein Zimmer knallte. Sie konnten ihn nicht in die "Totenkammer" im Erdgeschoss bringen, wo es kühler gewesen wäre, weil die zu schmutzig war. Also liessen sie ihn oben, bis man ihn abholen würde, wie es bei uns üblich war, doch irgendwas lief schief, und als ich am nächsten Tag zum Nachtdienst kam, war der Mann immer noch da, und auf dem Flur in der Nähe seines Zimmers roch es schon mehr als nur unangenehm.
Das erste, was mir zu schaffen machte, war sein Aussehen: niemand hatte ihn noch mal gekämmt oder rasiert, dazu war einfach keine Zeit gewesen. Ausserdem war die Sondennahrung zurück gelaufen, weil der Mann flach im Bett lag. Ich will es nicht weiter beschreiben, es war jedenfalls ein schlimmer Anblick.
Und dann sagte der Spätdienst, dass die Angehörigen des Mannes im Urlaub gewesen seien und angerufen hätten: sie kämen irgendwann im Laufe der Nacht.
Also hab ich den alten Mann noch mal gewaschen, rasiert, ihm etwas neues angezogen und das Bett frisch gemacht. Das Zimmer war voller Fliegen, weil sich das Fenster nicht zumachen liess, sie krabbelten ihm in Mund und Nase, und die Hitze tat ihr übriges. Der Mann sah wirklich schrecklich aus, und ich fürchtete mich vor dem Moment, da seine Kinder von mir verlangen würden, dass ich mit ihnen hoch in sein Zimmer gehe, damit sie Abschied nehmen könnten. Die ganze Nacht über bin ich bei jedem Auto, das am Haus vorbei fuhr, zusammengezuckt.
Die Angehörigen kamen übrigens nicht. Der Pfleger hatte sie am Telefon missverstanden: sie hatten nicht gesagt, dass sie im Laufe der Nacht ins Heim kämen, sondern dass sie erst in der Nacht aus dem Urlaub zurückkehren würden.
Logisch, dass ich "mit den Nerven runter" war, denke ich. Ich versuchte, mit irgendjemandem darüber zu reden, darüber, wie ich mich fühlte, und auch darüber, was ich so dachte, über die Verantwortung gegenüber dem Leben und über die Würde, die zu behalten ein Mensch doch über den Tod hinaus verdient, aber niemand wollte darüber sprechen, jeder fühlte sich nur angegriffen, vielleicht auch, weil ich nicht die einzige war, die sich schämte und sich fragte, wie es nur hatte sein können, dass man einen Menschen so im Stich lässt, und schliesslich meinte eine Kollegin: "Was willst du machen? Hier geht es nicht um Würde oder Menschlichkeit, hier geht es einzig und allein darum, zu funktionieren."
Also versuchte ich zu funktionieren. Bis es irgendwann eben nicht mehr ging.
Sowas kommt eben manchmal vor.
Und das war gemeint mit diesem:
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Hey, Kopf hoch. Ich weiß nicht, ob es Dir helfen wird. Aber statt Therapie mit einer unsensiblen Therapeutin, versuch es mit einem Haustier. Einer Freundin von mir hat es sehr geholfen. Sie arbeitet bei einem Energieunternehmen und jedesmal, wenn die Jahresabschlüsse erstellt werden müssen, weiß sie nicht mehr, wo oben und wo unten ist. Das Einzige, was ihr dann noch hilft, einigermaßen geistig gesund zu bleiben, ist die Möglichkeit mindestens einmal pro Woche eine Stunde bei ihrem Pferd zu verbringen. Du mußt Dir nicht einmal selbst ein Tier zulegen. Ich weiß, daß viele Tierheime Patenschaften anbieten. Da kann man sich dann ein paar Stunden mit einem Stubentiger oder einem süßen Hund beschäftigen - ganz ohne weitere Verpflichtungen. Vielleicht hilft Dir das ja auch weiter.
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Das sind schon wirklich heftige Erlebnise, sehr gut geschildert.
Daumen hoch für diesen Einblick...
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@shadowchaser: das ist an und für sich eine grossartige Idee. Wenn ich jetzt mal davon absehe, wo sich das nächste Tierheim befindet. Dass mein Arbeitstag, vom Verlassen der Wohnung bis zur Rückkehr in selbige fast zwölf Stunden lang ist, Überstunden und ähnliches nicht mitgerechnet. Und dass in den letzten Monaten bestimmt 80% meiner Dienstes aus Spätschicht bestand. Nein, im Ernst, Tiere sind eigentlich immer was für die Seele. Allerdings ist in den letzten zwei Jahren mein Leben ziemlich aus dem Leim gegangen, während ich damit beschäftigt war, einem Drachen zu trotzen. Das muss ich jetzt erst mal auf die Reihe kriegen. Ich schätze, der Rest findet sich. Herzlich Red
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