Schmetterling
Schmetterling
Ich war mal in einen verliebt, von dem sagte meine Mutter, er sei ein Schmetterling. Nicht dass ich es nicht schon selber wusste. Und es änderte auch nichts daran. Ich war verliebt in ihn. Mein Herz hatte das so verfügt, unter Ausschluss des Verstandes und ohne Berücksichtigung der Warnungen und Gefahrenmeldungen von Seiten der Vernunft.
Er war ein Schmetterling und flatterte frech von Blüte zu Blüte und immer weiter, und er machte daraus kein Geheimnis, und genau das schien seinen Reiz auszumachen. Das und die Tatsache, dass er einem mit einem einzigen Blick Schmetterlingsflügelflattern machte: von den Haarspitzen bis hinunter zu den Zehen.
Ich war bis dahin nie verliebt gewesen.
Ich war der Liebe begegnet, jener grossen, die dich frontal erwischt wie der Bus, den du beim Überqueren der Strasse nicht kommen siehst. Da war keine Zeit geblieben für diese schöne Spielerei des Verliebtseins. Ich hatte von der kleinen Schwester der grossen Liebe immer nur gehört. Gekannt habe ich sie nicht. Bis mir der Schmetterling ins Herz flatterte. Zuerst flatterte er nur so ein bisschen in der Magengegend. Wenn ich seine Stimme hörte oder wenn er mich ansah und mir zuzwinkerte. Ich lauschte dann manchmal in mich hinein und war fasziniert von dem Schmetterlingsflügelgeflatter.
Er war der zweittollste Mann, dem ich in meinem Leben begegnet bin. In den tollsten Mann, war ich nicht verliebt, den liebte ich, und es war eine dieser "Bis das der Tod euch scheidet"-Liebesgeschichten. Und kein Mann wird je sein wie dieser Mann, und das ist gut und richtig, denn ich suche keinen, der wie er ist, damit er seine Stelle einnimmt.Um bei den Blümchen und Bienchen...oder vielmehr Schmetterlingen zu bleiben: wenn ich eine Blume war, dann war er der Boden gewesen, in dem ich wurzelte. Er war alles, was ein Blümchen brauchte. Jedenfalls für mich.
Doch er war fort. Und nun war da dieser Schmetterling...
Ich machte mir nichts vor: er war ein Schmetterling und ich nur eine Blume. Nicht mal eine besonders tolle oder schöne, die Blumen um mich herum waren alle viel bunter und auffälliger. Und während er so um mich herumflatterte, machte er immer mal Pause, um auch mal von der einen oder anderen Blüte zu naschen, die ihm zuwinkte. Und sie winkten irgendwie alle. Sie können den ganzen Tag hübsch in der Gegend herumstehen, doch sobald so ein Schmetterling angeschaukelt kommt, strecken sie sich in die Höhe und machen sich ganz gross. Vor allem, wenn da noch andere Blumen in der Nähe stehen. Blumenterror. Schmetterlingsneid.
Ich habe mich nicht bemüht. Aber eines Tages hatte er wohl gerade genug von "bunt" und "leicht" zu kriegen. Und er flatterte in meine Richtung!!!
Tja, ich gab mich mimosig. Das war dem Schmetterling wohl nicht so geläufig: jedesmal, wenn er sich anschickte, zu landen, klappte dieses Blümchen verschreckt die Blätter zusammen? Das konnte doch nicht sein! Das kratzte ihn am Schmetterlingsstolz. Er gab nicht auf.
Ich dachte darüber nach, dass ich noch nie verliebt gewesen war und eigentlich auch nicht mehr damit gerechnet hatte, dass mir die kleine Schwester der grossten Liebe je über den Weg laufen würde. Das war doch eine gute Gelegenheit, mit ihr Bekanntschaft zu schliessen!
Und am Anfang war es wunderschön. Ich war verliebt. Richtig verliebt. Hach!
Er sah toll aus und war intelligent, und er fühlte sich gut an und roch irgendwie so gut...und er konnte küssen, wie man als Schmetterling nicht küssen können sollte, weil man damit Blumen schier zu Tode küsst. Wenn der Schmetterling mich küsste, kam das schon ziemlich nahe an meine Vorstellung von "Blümchensex" heran. Hach!
Aber irgendwann wurde mir klar, dass ich dem Schmetterling gar nicht gut tat. Er hatte sich so auf mich ausgerichtet, dass er die anderen Blumen gar nicht mehr wollte! Er verlor auch zusehens an Farbe und wenn ich mal böse auf ihn war, dann gab er sich knitterig und mimte den Nachtfalter.
Und ich fand auch, dass das jetzt reichte mit der Verliebtheit. Ausserdem war es anstrengend, immerzu die Mimose zu spielen. Ich gehöre nämlich eher zur Familie des Sonntentaus...und das sind Fleischfresser. Habt ihr eine Ahnung, wie schwer das ist: ankucken aber nicht essen?!!!Und er war sooo lecker! Hach!
Irgendwann bin ich schwach geworden und hab mich auf das "Darf ich mal naschen?!"-Spielchen eingelassen. Der Schmetterling hat danach nicht mehr so richtig fliegen gekonnt und sah auch nicht mehr wirklich so toll aus. Und er traute sich auch nicht mehr so recht an mich heran. Auf der anderen Seite liess er mich auch nicht in Ruhe. Es war verrückt. Und das mit der Verliebtheit war auch irgendwie ausser Kontrolle geraten.
Er versuchte ein paar mal, sich fressen zu lassen. Seine Art, mir zu zeigen, wie gern er mich hatte. Und ich zeigte ihm, wie sehr ich ihn mochte, indem ich ihn eben nicht frass. Immer, wenn er am nächsten Morgen noch einigermassen unversehrt davontaumelte, waren wir beide froh. Es war eine sehr anstrengende Zeit.
Inzwischen flattert der Schmetterling wieder von Blüte zu Blüte, und immer wenn er in meine Nähe kommt, dreh ich mich weg und tu so, als würde ich ihn nicht sehen.
Aber manchmal frag ich mich schon, ob ich ihn nicht vielleicht hätte fressen sollen...
Hach... |
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