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Thekla hinter den Gardinen

2006/10/12

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"Ich danke Gott, dafür, dass er mir Sie geschickt hat." Sagt sie. Immer wieder. Und das nur wegen einer lausigen Zigarette und einer Viertelstunde Auszeit vom Warten auf Morgen.
Thekla ist weit über Achtzig. Eigentlich sollte sie nur "Kurzpflege" sein, aber es sieht nicht so aus, als käme sie bald wieder heim.
Sie ist Bewohnerin und ich bin Pflegerin, aber in dieser abendlichen Viertelstunde auf dem Balkon ihres Zimmers, versteckt hinter den zugezogenen Gardinen, sind wir so etwas wie Freundinnen, die gemeinsam etwas wundervoll verbotenes tun: wir rauchen heimlich eine.
Die Thekla hinter den Gardinen ist eine andere Person als jene Frau G., die in der Pflege schwierig ist und deren Eigensinn tagsüber Zeit und Nerven kostet. Das ist nicht ihr Fehler. Vielmehr ist es ein Denkfehler. Daran gewöhnt und darauf trainiert, dass die alten Leute hier müssen, wie wir wollen, scheitern wir regelmässig an Thekla, die weder will, wie sie soll...noch muss. Wir stolpern über unsere eigene Unflexibilität...aber wir arbeiten daran, und wer weiss?
Die Thekla hinter den Gardinen ist eine wundervolle Frau. Sie sitzt da, in ihren Bademantel und eine Decke gehüllt und findet es wunderschön, im Dunkeln da draussen auf dem Balkon zu sitzen, die Zigarette zwischen den Fingern und den improvisierten Ascher auf dem Schoss...und jemanden zum Reden gegenüber. Und ich finde sie selbst wunderschön. Das Alter war nicht gerade rücksichtsvoll im Umgang mit ihrem Äusseren, aber in dieser Viertelstunde kann ich sehen, dass Thekla einmal eine schöne Frau war...und immer noch ist. Da sitzt ein ganzes Leben vor mir.
In dieser Viertelstunde scheint sie immer völlig klar, trotz bestätigter fortschreitender Demenz und trotz Morphium. Sie redet. Vom Krieg. Vom Fliegeralarm und wie sie in die Luftschutzkeller gerannt sind, wenn sie die Sirenen gehört haben. Sie macht mir die Sirene vor, diesen auf und abschwellenden Ton, den ich aus Filmen kenne. Sie erzählt mir, wie "da drüben" alles gebrannt hat. Und dass sie die Häuser "da hinten" mit gelöscht hat. Sie ist von hier, aus diesem Ort.
Thekla denkt über ihr Leben nach. Dass ich so gut zu ihr sei, obwohl ich sie doch gar nicht kennen würde. Und ach, sie sei so schlecht gewesen. Sagt sie. Doch, sie sei kein guter Mensch gewesen, so dann und wann, aber sie habe versucht, gut zu sein. Und nun warte sie auf's Sterben. Und das zöge sich so. Den darauf bezogenen Lieblingsspruch meiner Mutter "Die Lebensuhren werden da oben gestellt",mag sie und findet: "Eine sehr kluge Frau, Ihre Frau Mutter".
Thekla macht sich Gedanken. Ins Fegefeuer wird sie wohl kommen, ganz sicher, aber in die Hölle vermutlich nicht, nicht wahr? Gott wird schon ein Einsehen mit ihr haben, schliesslich habe er ja mich geschickt, die ich weiss, wieviel so eine Zigarette wert ist, was das hier, diese Viertelstunde auf dem abendlichen Balkon bedeutet. Man braucht ja gar nicht viel, um vollkommen selig zu sein. So wie jetzt. Hinter den Gardinen.
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Comments on 'Thekla hinter den Gardinen'
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SunshineSteve SunshineSteve
2006/10/12
Echt schön geschrieben Red!
Hast du nicht mal vor Schriftstellerin zu werden?
;-):-):-)
Gruß Stefan

yven99 yven99
2006/10/12
schöne geschichte. man vergißt so oft, dass so ein alter mensch schon ganz schön lange auf der welt ist und auch viel mehr zu erzählen hat.

redhead redhead
2006/10/12
@Stefan: Ausgehend von dem Gedanken, dass man das ist, was man zu sein glaubt oder sein möchte...oder eben IST und es vom Wesen her nicht vom Erfolg abhängig ist, bin ich das schon, Stefan. Ich schreibe...und andere lesen es. (Ein Freund in New York schrieb mir mal, die Stadt sei nicht voller Leute, die Schriftsteller, Maler, Tänzer und Schauspieler, eben Künstler WERDEN wollen, sondern voller Künstler, die berühmt werden wollen, und so wäre es faszinierend, daran zu denken, dass vielleicht der Hausmeister eines Gebäudes im Grunde kein Hausmeister, sondern ein Schriftsteller sei. Das ausser ihm selbst niemand davon wisse, und dass dieser Mann vielleicht nie ein Buch veröffentlichen würde, ändere nichts daran, dass er ein Schriftsteller sei: wir sind, was wir sind.)
@yven: stimmt. Wir reduzieren Leben allzuoft auf das JETZT, die Gegenwart. Da die Zukunft für die meisten "meiner Alten" nicht mehr viel Positives bereithält, konzentriere ich mich viel auf ihre Vergangenheit. Zumal die Gegenwart oft nicht mehr viel von ihrer Persönlichkeit erkennen lässt, was ja im Grunde sehr schade ist.

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