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Der Herr der Katzen

Tags: katzen
Mein Vater war in seinem Leben schon Melker, Chauffeur, Polizist, Fernfahrer, Bauarbeiter...
Und ganz zuletzt arbeitete er als Heizer und schaufelte den ganzen Tag Kohlen in den Heizugskessel des Betriebes, in dem er zuvor als Fahrer gearbeitet hat.
Ich hab ihn als Kind dort gern besucht, und wenn mein Vater an den Wochenenden rausfuhr, um im Wagenpark des Betriebs herumzubasteln oder die Heizungskessel zu warten, dann fuhren mein Bruder und ich meist mit. Wir fingen die Forellen im Löschwasserteich, wenn sie sich fangen liessen (meist fingen wir aber vor allem Algen) und spielten mit den Katzen.
Denn mein Vater war buchstäblich der Herr der Katzen. In einem Jahr brachte er es auf über zwanzig Katzen und Kater. Arbeitskollegen brachten sie mit, halbverhungerte und verletzte Viecher, die sie angefahren am Strassenrand gefunden hatten, ausgesetzte, halb tot geprügelte Tiere, die sich in Garagen verlaufen hatten oder hinter Mülltonnen herum drückten. Ab und zu tauchte auch mal der eine oder andere Strassenkater auf, dürr und zerzaust, mit angefetzten Ohren, der wohl gehört hatte, dass es bei meinem Vater im Heizungshaus ein warmes Plätzchen und ein Fressen für umsonst gab. Mein Vater war Heizer und betrieb nebenbei noch ein Katzenasyl. Er gab eine Menge Geld dafür aus, neu angekommenen Katzen sterilisieren zu lassen, um nicht in Katzenbabies zu ersticken. In all den Jahren gab es nur einmal Nachwuchs im Heizungshaus, und mein Vater bekam die kleinen schnell bei Kollegen unter. Nur bei den Katern tat er sich schwer: er brachte es nicht über sich, sie kastrieren zu lassen. Männer halten eben zusammen...
Dann und wann gab er einen seiner Pfleglinge in liebevolle Hände ab, mancher verschwand nach einer Weile von selbst, aber viele blieben auch, und das waren vermutlich vor allem jene, die draussen in der Welt nicht viel Gutes erfahren hatten.
Ich liebte es! Wenn ich in den düsteren Raum mit seinem riesigen Heizungskessel kam, zu dessen Feuerluke eine schmale steile Rampe führte, auf der mein Vater Tag für Tag schubkarrenweise Kohleberge versetzte und in Rauch und Wärme aufgehen liess, dann brauchte ich immer erst ein paar Momente, bis ich mich an das russige Dämmerlicht gewöhnt hatte und sie sehen konnte: die Katzen. Sie waren überall. Sie sassen auf Regalen, in abgestellten Schubkarren, unter dem Waschbecken, oben auf der Plattform des Kessels. Sie strichen meinem Vater um die Beine, wenn er nach hinten in sein kleines Büro ging, sassen dort auf dem Sofa, dem Schreibtisch, auf der Glasplatte des Aquariums, das mein Vater dort stehen hatte. Als mein Vater später Rheuma bekam, verbrachte er ganze Nächte dort im Büro. Er hatte schliesslich Unmengen von jenen Katzenfellen, denen man nachsagt, dass sie gut gegen Rheuma seien. Und in jedem davon steckte sogar noch die dazugehörige Katze drin. Ich beneidete ihn um diese Schlafgelegenheit...
Viele der Katzen liessen sich von mir nicht anfassen, von meinem Vater allerdings schon. Er hatte für jede einen Namen und konnte sie alle auseinander halten, und er wusste von jeder, was sie am liebsten mochte und wo sie ihr ganz spezielles Plätzchen im Heizraum hatte. Und wenn er sie rief, beispielsweise zum Füttern, dann kamen sie alle, und mein Vater stand in einer Masse aus mautzendem Fell und hoch aufgereckten Katzenschwänzen. Mein Vater bezog das Futter natürlich aus der Betriebsküche, und die Katzen, denen man ja nachsagt, sie seien mitunter heikel in Sachen Futter, waren absolut nicht wählerisch. Für manche war es das erste reichliche Futter seit langem überhaupt, und wann immer mein Vater die Schüsseln und Teller füllte, waren sie hernach spiegelblank. Einmal in der Woche spendierte mein Vater Dosenfisch, und alle Katzen benahmen sich, als sei die Baldrianflasche umgekippt: sie wurden richtiggehend verrückt. Das Fischessen fand nämlich nach ganz bestimmten Regeln auf besondere Weise statt: immer paarweise im Büro. So stellte mein Vater sicher, dass auch wirklich alle etwas abbekamen. Den Fisch-Tag liebte ich besonders und fuhr meist nach der Schule gleich in den Betrieb meines Vaters, wo man mich kannte und gleich am Pförtnerhaus durchwinkte.
Wenn alle ihren Leckerbissen bekommen hatten, suchte mein Vater meist eine Katze für mich aus, die ich auf den Schoss nehmen und streicheln konnte.
Die Favoriten von mir und meinem Bruder hiessen "Herbert" und "Albert". Zwei junge Kater, der eine getigert, der andere pechschwarz, die ein Arbeitskollege in seiner Garage gefunden hatte, wo sie sich immer wieder herumtrieben. Die beiden wurden im Gegensatz zu den anderen handzahm, und mein Vater brachte sie an den Wochenenden manchmal mit zu uns nach Hause, freilich nicht, bevor sie nicht ein Bad im Waschbecken hinter sich gebracht hatten. Der schwarze Albert liess es mehr oder weniger über sich ergehen, während Herbert am Freitagnachmittag mitunter schon von sich aus in das Waschbecken sprang. Anschliessend wurden beide in ein Handtuch gewickelt und dösten schnurrend auf der Couch im Büro vor sich hin, bis mein Vater Feierabend hatte.
Albert war jedoch für die Wohnung nicht gemacht, und sein Bruder litt jämmerlich, wenn er allein blieb, also liessen wir die Besuche irgendwann sein und fuhren statt dessen eben in den Betrieb, um die Katzen zu besuchen. Albert wurde ein Herumtreiber, ein grosser sehniger Kater, der etwas von einem kleinen Panther an sich hatte. Jedesmal, wenn er bei meinem Vater auftauchte, musste der ihn erst einmal verarzten: Albert schien ein sehr aufregendes Katerleben zu führen. Ein richtiger Draufgänger. Als er nicht mehr kam, mussten wir das Schlimmste befürchten. Herbert hingegen wurde ein dicker gemütlicher Schmusekater, der meist faul in der Sonne lag und meinem Vater beim Kohlenschaufeln zusah.

Eines Tages brachte jemand meinem Vater eine Katze, die schwer verletzt auf dem Betriebsgelände gelegen hatte. Irgendwer hatte das Tier fürchterlich verprügelt, und so wie es aussah, war das Ziel dieser Aktion gewesen, es zu erschlagen. Mein Vater päppelte die Katze wieder auf, und wir tauften sie "Minke". Sie war schwarz mit ein paar weissen Flecken. Minke war mit den Menschen fertig. Sie lebte ständig in Angst und liess sich nicht anfassen. Als sie sich schliesslich trotzdem an mich gewöhnte, durfte ich sie behalten. Mein Vater schenkte sie mir zu Weihnachten. Sie klebte an mir, als sei sie mein Schatten und schlief von Anfang an und zum Leidwesen meiner Mutter nicht nur in meinem Bett, sondern AUF MIR. Aber es ging nicht gut, denn ausser mir und meinem Vater durfte sie ja wie gesagt keiner anfassen, und der kleinste Schreck liess sie panisch in der Wohnung herumrasen und buchstäblich die Wände hochgehen. Ausserdem hatte sie angefangen, mich "füttern" zu wollen und weckte mich regelmässig damit, dass sie mir ein Stückchen der Innereien (meist war es Lunge), die meine Eltern extra für sie, die sich mit anderem Futter ein bisschen schwer tat, beim Metzger holten, ins Gesicht drückte. Zudem versteckte sie auch fortwährend Futter in der Wohnung, offenbar traute sie dem gefüllten Fressnapf nicht und rechnete stets damit, dass es eines Tages nichts mehr geben würde. Sie war eine wirklich kaputte Katze und einfach bemitleidenswert.
Ich behielt sie bis April, dann konnte ich es nicht mehr ertragen, sie geduckt und immer auf dem Sprung durch die Wohnung schleichen zu sehen.
Ich brachte sie zurück ins Heizerhaus. Sie drehte eine Runde, begrüsste ein paar der anderen Katzen, scheuchte dann die Neue namens Biggie mit ein paar Ohrfeigen von ihrem frühern Lieblingsplatz herunter und war wieder daheim.
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Comments on 'Der Herr der Katzen'
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spaetzle spaetzle
2006/08/04
Sehr schöne Geschichte :-)

drb drb
2006/08/06
;))

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