Über das Seelenleben einer Pellkartoffel (16)
In ein paar Tagen fahre ich mal wieder "nach Hause". Genauer gesagt: ich fahre nach Hause zu meinen Eltern. Mit dem Nachtzug.
Natürlich könnte ich auch fliegen. Mit dem Flugzeug braucht es eine knappe Stunde, bevor man in meiner Heimat aufschlägt (im positiven Sinne), und wenn man das ganze Drumherum des Eincheckens und Auscheckens hier und da dazu nimmt, sind es vielleicht drei Stunden, vielleicht auch viereinhalb...mit dem Zug sind es neun. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, wo ich nach neun Stunden im Flieger überall sein könnte...ach ja. Aber ach, nein.
Dass ich mit dem Zug fahre, hat schlichtweg mit den Kosten zu tun. Dass ich den Nachtzug nehme, liegt an mir. Ich gehöre zu den Menschen, die auf Bahnhöfen zur hilflosen Person mutieren (auf Flughäfen auch, nur mal so nebenbei bemerkt) und ein arges Problem damit haben, wenn sie nach einigen Stunden Fahrt mit Zug A innerhalb weniger Minuten in Zug B umsteigen müssen, von dem sie nicht wissen, von wo er abfährt. Zumal Zug A dann schon mal zwanzig Minuten Verspätung hat, Zug B weg ist und Zug C vom Bahnsteig am anderen Ende des Bahnhofs abfährt...oops, sorry...knister, knister...fährt jetzt doch von ganz woanders, wir bitten um Ihr Verständnis....
Der Nachtzug ist netter, wenn auch langsamer: er fährt gemütlich durch die Nacht und bringt mich geradewegs (mehr oder weniger) zu DEM Bahnhof, in dem ich mich auskenne, weil er da steht, wo ich geboren wurde. Nein, ich wurde nicht DA geboren, wo heute der Bahnhof steht. Menno! Ich meine natürlich die Stadt, in der ich geboren wurde. Und auf eben jenem Bahnhof in dieser Stadt werde ich von meiner Familie in Empfang genommen und eingepackt.
Ich bin schon lange nicht mehr mit dem Nachtzug gefahren. Zum einen, weil ich selten gen Heimat fahre, ungeachtet meiner Liebe zu meinen Eltern. Ich bin seit neun Jahren Münchnerin. Ich fühle mich hier heimisch. Sehr sogar.
Zum anderen, weil lange Zugfahrten, bei Nacht oder bei Tage, wenn sie nicht dazu dienen, mich ausser Landes oder einfach nach Ganzwoanders zu bringen, nicht so mein Ding sind. Deshalb habe ich auch so dann und wann schon mein Geld-übrig-Sparschwein geschlachtet, und bin nach Hause geflogen, wenn meine Eltern auf Grund allzulanger Vernachlässigung meiner töchterlichen Pflichten mit Enterbung drohten. Auf diese Weise wird Tochtersein jedoch zu einer kostspieligen Angelegenheit, vor allem, wenn sie noch nicht die Nutzniesserin des besagten Erbes ist (und auch wenn sie es wäre, würde sich daran nichts ändern...also spart euch die Heiratsanträge: hier gibbet nischt zu holen).
Der Nachtzug also, und diesmal vor allem, weil die Tochter aufgrund schrecklicher Behandlung durch eine böse Chefin (eine ganz andere Geschichte) einfach mal nach Hause zu Mami und Papi will, um sich dort ein paar Streicheleinheiten, kalorienverseuchtes Essen in rauen Mengen und seelischen Beistand abzuholen. Dafür würde sie auch barfuss und nur im Hemd per pedes nach Timbuktu reisen...
Warum ich hier so ausschweifend über meine Reisepläne und das dafür gewählte Transportmittel schreibe? Hast du ein Auto? Ja? Dann kann ich deine Frage verstehen. Ich habe keins, und selbst wenn ich eins hätte, würde mir das nichts nützen, weil ich es nicht fahren könnte, und nein, ich habe auch nicht vor, fahren zu lernen...und nun hast du mich aus dem Konzept gebracht. Wo war ich? Ah, ja. Nachtzug.
Diesmal fahre ich mit so einem hübschen Zug:mit sauberen Grossraum-Abteilen und Liegesesseln. Dass dieser Komfort inzwischen normal ist, wie mein guter Freund Ghost mir versichtert, macht deutlich, wie lange ich schon nicht mehr mit dem (Nacht)Zug unterwegs war.
Denn die diesbezügliche Erinnerung an meine letzte Heimreise ist eher unschön. Und auch die Erinnerung an die Reise davor. Und die davor.
Zusammengepfercht mit fünf anderen Reisenden hockte ich in einem dunklen, gut heruntergekühlten Abteil, dessen Beleuchtung und Heizung ebensowenig funktionierte wie das Fensterschloss. Und ausgerechnet jener der fünf anderen Reisenden, welcher mir am unsympathischsten war, unter anderem auch, weil er schon stockbesoffen in den Zug stieg und sich noch vor der Abfahrt dreieinhalb Dosen Bier "reintat"...sass mir gegenüber. Und wollte sich auch noch mit mir unterhalten. Während die übrigen Fahrgäste nach und nach ins Koma fielen, hörte ich mir von meinem Gegenüber die Geschichte seines Lebens an. Zu den Klängen von Type O Negative über Kopfhörer. Pete hätte geweint, ich schwöre es! Ich selbst war nah dran. Aus Selbstmitleid und Verzweiflung.
Zwischendurch schlief der gute Mann (nicht Pete, er hiess Wolfgang) auch immer mal ein. Was noch schlimmer war: sein Schnarchen war fürchterlich. Er weckte damit die anderen auf, was ich ihnen gönnte, nur machte es das insgesamt nicht schöner. Ich selbst döste vielleicht zwanzig Minuten während dieser Fahrt und wachte auf, weil der Mann gegenüber mich unverwandt anstarrte: er wollte mir den Rest seiner Lebensgeschichte erzählen. Und er tat es.
Als wir endlich das Ziel unserer Reise erreicht hatten, packte mein Gegenüber die Wehmut ob unserer bevorstehenden Trennung, nachdem wir doch so viel Zeit unseres kleinen Lebens miteinander verbracht hatten, und er musste mich zum Abschied unbedingt umarmen. Vor den Augen meiner doch recht verdutzten Eltern...
Auf der Rückreise teilte ich mir ein ganzes Abteil zu zweit mit einem Mann, der gleich zu Beginn der Fahrt in Jogginghosen und Hausschuhe schlüpfte und mir verriet, dass er zu seiner Konferenz in München natürlich auch hätte fliegen können, es aber mit dem Zug gemütlicher fände. Er arbeitete im Ministerium für Innere Angelegenheiten und hörte über Kopfhörer die Abenteuer des kleinen Drachen Tabaluga. Acht Stunden lang erzählte er mir, wie der Westen den Osten damals über den Tisch gezogen hat, und dass er persönlich mit Peter Maffay befreundet sei.
Und ich wünschte mir, ich wäre tot.
Noch heute schrecke ich nachts aus Albträumen auf, in denen eine Stimme heiter sagt:
"Und dann sagte ich zu ihm:'Peter' sagte ich..."
Gute Reise. Womit und mit wem auch immer.
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Comments on 'Über das Seelenleben einer Pellkartoffel (16)'
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Peter Maffay? Den gibt´s doch gar nicht, oder glaubst du an Zwerge?
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Plato, der Yeti glaubt auch nicht an den Reinhold und dennoch tritt der in Talkshows auf...
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