"Komm heim!"
Als Thekla zu uns kam, aus dem Krankenhaus, da hiess es, dass es nur noch ein paar Tage dauern würde: sie hat nichts mehr gegessen, weigerte sich, ihre Medikamente zu nehmen und war so schwach, dass sie nicht mehr gehen konnte.
Aus den Tagen sind dann doch noch Wochen geworden, und Thekla hat sogar wieder gegessen, hat zugenommen, ist herumgelaufen und hat die Schwestern gescheucht, dieses und jenes zu erledigen, zu holen, zu tun. Aber obwohl es während dieser Wochen eine ganze Menge an guten Tagen gab, solche nämlich, an denen sie draussen auf dem Balkon sitzen und ihre geliebten Zigaretten rauchen oder sich sogar von Bekannten im Rollstuhl im Park herum fahren lassen konnte, hatte sie doch die meiste Zeit über nur den einen Wunsch: sterben zu können. Sie wollte nicht mehr, sie konnte nicht mehr, und sie sagte immer wieder, dass es unendlich schwer sei, länger leben zu müssen, als die Kraft reichen würde. Je länger "es" dauerte, um so mehr sah sie in ihrem Leben eine Strafe, bei der sie sich nach dem "Wofür?" fragte. Sie hat viel gebetet, zu Gott und vor allem zu ihrer Namenspatronin, von der sie sagte, dass die ihr immer geholfen und sie nie im Stich gelassen habe.
Vor drei Tagen hat Thekla aufgehört zu essen. Sie sagte, ihr sei so, als habe sie sich eine Grippe "eingefangen", aber einen Arzt wollte sie nicht, nur in Ruhe gelassen werden und schlafen. Ihre Tochter meinte, als ich ihr erzählte, dass sich die Mutter schwach fühle und glaube, krank zu werden, mit nachsichtigem Lächeln: "Aber das meint sie doch immer..."
Vorgestern sagte Thekla zu einer der Pflegerinnen, dass sie sich nicht mehr kümmern müsse; sie würde jetzt zu ihrem Vater gehen.
In der letzten Nacht war sie zwar schwach, fühlte sich aber gut, und als die Nachtschwester das erste Mal nach ihr sah, schlief sie tief und fest. Und irgendwann gegen Morgen hatte sich Theklas letzter grosser Wunsch dann erfüllt.
Erst vor ein paar Wochen las ich auf einer Trauerkarte einen Spruch, den ich in den letzten Tagen meist im Sinn hatte, wenn ich an Thekla dachte. Ich hab es nicht so mit Gott und noch weniger mit der Kirche, aber diesen Spruch finde ich einfach schön. Er macht Sinn, wenn man mit Alten zu tun hat und sie gewissermassen das letzte Stück des Weges begleitet.
Als Gott sah, dass der Weg zu lang, der Berg zu steil und das Atmen zu schwer wurden, nahm er sie in die Arme und sagte "Komm heim!". |
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Comments on '"Komm heim!"'
Refresh
Liebe Redhead,
danke für den traurigen aber wieder schönen Eintrag... und gut, dass Thekla endlich nach Hause gehen konnte.
Liebe Grüße,
Yve
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der spruch ist wirklich schön...
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Ja, der Spruch ist echt schön.
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Schade dass die Geschichte so verlaufen ist und sie keinen Lebenswillen mehr hatte... kann mich da sehr schlecht in Situationen wie diese "reinfühlen"... :-(
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Nein, Plato, die Geschichte ist gut verlaufen, denn sie war wirklich alt, und das Sterben fällt in jedem Alter einfach leichter, wenn man wirklich bereit ist. Es gibt viele Menschen, die solche Situationen nur schwer nachvollziehen können, vor allem, wenn sie mitten im Leben stehen. Es ist auch schwer für Angehörige, sich damit abzufinden, dass am Ende des Lebens eben der Tod steht, und dass sie dem Sterbenden einen grossen Gefallen tun würden, wenn sie sagen könnten: "Du darfst jetzt gehen..."
Es klingt fürchterlich kitschig, aber ich habe schon manchem die Hand gehalten und genau das gesagt. Im Pflegeheim ist der Tod ein guter Freund, dessen Ankunft man erwartet...
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