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Das gewisse Etwas

"Du hast nen komischen Geschmack in Sachen Männer!"
Das habe ich immer schon zu hören bekommen, sogar schon in der Schule, als alle in den grossen Dunkelhaarigen aus der Neunten verschossen waren, den mit den tollen Augen und dem süssen Lächeln. Ich fand den nicht so toll, was zum einen daran lag, dass ich im Jahr zuvor in seinen Bruder verliebt gewesen war, der gerade die Zehnte beendete, und den ich mit meiner Dreizehnjährigen-Verknalltheit verfolgte, bis es sogar seine Freundin merkte und er selber bei meinem Anblick genervt stöhnte: "Nicht die schon wieder!" Vielleicht wäre er auch gemein zu mir gewesen, wenn er und sein Bruder nicht grad bei uns nebenan gewohnt hätten, nächster Aufgang, oberstes Stockwerk, rechte Tür, und wenn unsere Väter nicht in der selben Firma gearbeitet hätten, so aber war er es nicht und statt dessen eben nur von meinem Anblick genervt, und ich schätze, mit siebzehn lässt einen eine verknallte Dreizehnjährige auch kalt; da steht man drüber.
Auf jeden Fall fand ich seinen jüngeren Bruder, den grossen Dunkelhaarigen mit den tollen Augen und dem süssen Lächeln nicht so umwerfend wie die anderen, die nur noch ein Thema hatten, nämlich ihn. Zugegeben, er war wirklich hübscher als sein Bruder, aber irgendwie hatte er das nicht, was der andere gehabt hatte und das immer machte, dass ich Schmetterlinge im Bauch hatte, bevor ich wusste, dass es diesen Begriff überhaupt gibt: Schmetterlinge im Bauch. Der andere, in den ich verliebt gewesen war, hatte es: das gewisse Etwas. Dieses gewisse Etwas war es, was ich lange Zeit als deutliches und untrügliches Symptom absoluter Verliebtheit, für die Liebe selbst ansah, und weil das so war, dachte ich auch zwei Jahre lang, ich sei in David Bowie verliebt. Dann wurde ich erwachsen oder so ähnlich, und fand heraus, dass dieses Schmetterlingsgefühl nicht wirklich was mit Liebe zu tun hatte, sondern "Schwärmerei" bedeutete. Aber was weiss man mit dreizehn schon von Liebe. Oder von diesem "gewissen Etwas".
Dieses gewisse Etwas war etwas, das die einen hatten und die anderen irgendwie nicht, und in meinem, oftmals als hoffnungslos bezeichneten, Fall hatten immer die das gewisse Etwas, die aus irgendeinem Grund dem gerade zur Norm erklärten Idol nicht entsprachen. Es waren immer die Aussenseiter und Einzelgänger oder die besten Freunde der tollen Jungs. Aus irgendeinem Grund verliebte ich mich nie in die Nummer eins, sondern meistens in die Nummer zwei...oder in die absolute "Null". Aus irgendeinem Grund...und wegen des gewissen Etwas, das die Nummer eins irgendwie nicht hatte. Ich dachte damals viel darüber nach und kam zu dem Ergebnis, dass die Nummer eins das gewisse Etwas nicht hatte, weil sie es nicht nötig hatte: sie wurde ja schon für toll befunden. Die Nummer eins hatte etwas anderes. Vielleicht das gute Aussehen, eben die tollen Augen und das süsse Lächeln oder Charme und Humor, und sie hatte davon mehr als jeder andere...und die Nummer zwei hatte davon vielleicht auch eine Menge, aber eben nicht so viel, dafür aber das gewisse Etwas, das nicht zu benennen war. Und die, die gänzlich aus der "Wertung" fielen und sich jenseits jeder Rangordnung bewegten,sahen auf den ersten Blick vielleicht überhaupt nicht toll aus und waren auch nicht charmant, aber wenn sie das gewisse Etwas hatten, dann machten sie einem Schmetterlingsgefühle, einfach indem sie den Raum betraten. So war das, als ich dreizehn war, so sah ich das. Und so ist das heute noch.
Eine Zeitlang dachte ich auch, dass ich vielleicht so wenig an der Nummer eins fand, weil die ja alle Mädchen kriegen konnten, wenn sie nur wollten, und natürlich suchten die sich immer auch die tollsten Mädchen aus, und ich war keins von denen. Bis ich festellte, dass man die Nummer eins viel leichter kriegen kann als irgendeine andere Nummer, etwa die zwei oder gar einen von denen, die gänzlich aus der Wertung rausfielen, sollten noch ein paar Jahre vergehen. Und bis ich erkannte, dass Mädchen ganz anders aussehen, als ihr eigenes Spiegelbild, wenn man(n) sie durch Jungs-Augen betrachtet, sollten sogar noch ein paar Jahre mehr vergehen.
Ich hätte auch nie erklären können, was ich an denen fand, an denen ich was fand, denn das gewisse Etwas kann man einfach nicht erklären. Bei einem war es die Art, den Kopf zu halten, ein anderen hatte einen ganz besonderen Gang, und wieder ein anderer war in meinen Augen einfach der schönste Mensch, den ich je gesehen hatte. Schönheit, so lernte ich schon damals, liegt tatsächlich stets in den Augen des Betrachters und ist nicht von irgendeiner Meinung bezüglich eines Ideals abhängig. Ich verliebte mich mal in einen, den fanden alle hässlich. Aber als ich ihn mir ansah, verschlug es mir buchstäblich den Atem: er war wirklich schön.
Erst vor ein paar Jahren fand ich dafür eine Erklärung, als ich etwas las, das Andy Warhol mal geschrieben oder zumindest gesagt hat. Ich krieg es nicht mehr wörtlich zusammen, aber sinngemäss hiess es da, dass du dich, wenn du tagein, tagaus von schönen Menschen umgeben bist, und dir dann plötzlich einer begegnet, der aus irgendeinem Grund nicht ganz so schön ist, nach genau diesem Menschen umdrehen und ihn besonders anziehend finden wirst - eben weil er inmitten all der genormten Schönheit etwas besonderes ist. Sein Aussehen ist auf einmal überdurchschnittlich. Er hat das gewisse Etwas, das allen anderen fehlt.

Das fiel mir gerade ein, weil mich mein kleiner Bruder immer in der Weihnachtszeit daran erinnert: "Weisst du noch, damals, als wir gerade unterwegs waren, um Geschenke zu kaufen und du immer diesem Mann nachgelaufen bist? Mir ist das ja erst aufgefallen, als wir zum dritten Mal im selben Geschäft waren..."
Ja, ich weiss das noch. Ich hatte diesen Mann zuvor noch nie gesehen und habe ihn auch nie wieder gesehen. Ich weiss nicht, wer er war. Er war nicht besonders hübsch, aber er war schön. Auf diese besondere Weise, die eben macht, dass man Schmetterlinge im Bauch hat.
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