Geschenke
Teil eins: Ran ans Selbstgemachte
Mama Rotschopf hat Geburtstag. Nicht heute, aber eben doch demnächst. Sie wird dieses Jahr... mal wieder dreissig Jahre älter als ich. So wie immer halt. Und so wie immer halt stellt sich mir die Frage: was schenk ich der Frau denn bloss???
Zwar hat sie nicht alles, was man für Geld kaufen kann, aber das will sie ja auch gar nicht. Zum Glück. Denn zur Bankräuberin und Kriminellen tauge ich nicht, und dafür ist sie selbst verantwortlich, schliesslich hat sie mich erzogen, und das Ausrauben von Banken oder Ausführen diverser anderer gewinnbringender krimineller Aktionen stand da in Grossbuchstaben auf der NICHT RICHTIG!!!-Seite. Zuwiderhandlungen wurden mit Stubenarrest und Leseverbot bis zur Volljährigkeit geahndet. Jawohl. Mit dem Stubenarrest hätte ich mich arrangieren können, wäre da nicht das Leseverbot gewesen. Und so blieb mir (und ihr) der Wohlstand, der unter günstigen Umständen mit einer kriminellen Laufbahn einhergeht, eben versagt. Dafür kann ich sehr gut und fehlerfrei lesen. Und schreiben.
Na gut.
Ich höre sie schon brüllen, die Leute, und sie brüllen: Selbstgemacht kommt immer gut an!!!
Selbstgehäkelte Topflappen, bestickte Taschentücher und Tischdeck(ch)en, gebranntmalerte Holzbrettchen, und sogenannte Klein-Skulpturen gehören in diese Kategorie, wobei ich zugeben muss, dass vor allem die zuletzt erwähnten Skulpturen nachhaltig belegen, dass Frollein Redhead zwar zweifellos von der einen oder anderen Muse geküsst worden ist, dass sich die Verantwortliche für Bildhauerei und Plastik aber anscheinend nicht nur sehr zurückgehalten, sondern vor dem Musenkuss völlig gedrückt hat. Vielleicht hatte ich mir just am Tage der Begegnung mit der Muse oder dem Muserich die Zähne nicht geputzt...?! Ich weiss es nicht. Fakt ist, dass seit Jahren in des Mitbewohners und meinem Keller noch diverse selbst kreierte Geschenke aus Ton und Stein der Abholung harren. Von den Menschen, denen ich sie geschenkt habe. Falls jemand Interesse hat und eins haben möchte, gerne doch. Kommt am besten mit einem LKW. Hebebühne wäre nützlich. Anderenfalls eben die Bekanntschaft mit fähigen Orthopäden und Chiropraktikern...
Fakt ist auch, nachdem der letzte von mir selbst gemachte Aschenbecher statt in der Wohnung meiner Mama auf dem Rasen vor dem Standesamt unseres kleinen Kaffs zu stehen kam, wo er jetzt ein trauriges Dasein als überdimensionale Vogeltränke fristet, hab ich damit aufgehört. Mit dem Töpfern und Bildhauen. Und mit dem Häkeln, Stricken, Sticken und Brandmalern. Nicht dass sich meine Mama je beschwert oder eins meiner Kunstwerke kritisiert hätte. Oh nein. Aber sie war auch so ziemlich die einzige, die irgendwas daran schön fand. Nicht mal ich selbst fand das Zeug schön, und dass mich das nicht davon abhielt, ihr den Kram trotzdem zu schenken, lag einzig und allein daran, dass ich wusste, SIE würde meine Bemühungen zu würdigen wissen. Schliesslich ist SIE ja auch MEINE MAMA. Trotzdem, irgendwann war der Keller vollgestellt und ich hatte die Nase voll von all den Handarbeiten.
Den gewichtigen Geschenken folgten dann Bilder, Gedichte und Geschichten, und damit war ich wesentlich erfolgreicher. Allerdings möchte ich meine Mutter gerade in diesen Tagen nicht daran erinnern, dass ich mit Worten einigermaßen umgehen und sie sogar so anordnen kann, dass sie sich am Ende auch noch reimen. Meine liebstgehaßte Tante feiert nämlich demnächst mit ihrem grimmeligen Göttergatten die Goldene Hochzeit, und ich erinnere mich noch zu gut daran, was mir zu deren Silberhochzeit blühte, als ich meine Mutter durch ein selbst verfasstes Geburtstagsgedicht auf die Idee brachte, ich könnte den Langzeitverheirateten doch "was Hübsches dichten". Ich schätze, das kennt so ziemlich jeder, der schon mal auf einer Familienfeier anlässlich eines grossen Ereignisses war, beispielsweise zum Hundertsten von Opa Fritz oder der Geburt von Grossnichte Agathe. Früher oder später (meist später, denn man muss sich erst Mut antrinken...) steht einer auf und verliest was Selbstgereimtes. Und alle finden es toll (die haben ja auch gebechert, während man sich Mut angetrunken hat), mit Ausnahme von Opa Fritz, der das Hörgerät aus hat. Und Agathchen schläft schon oder noch oder wieder.
Nein danke!
Geschichten bekommt sie von mir in unregelmäßigen Abständen und unabhängig von geschenkpflichtigen Feiertagen geschickt, weil sie kein Internet hat und ich nicht möchte, dass sie von irgendwem zufällig hört, dass er von mir was gelesen hat. Ausserdem telefonieren wir. Darüber hinaus ist sie meine allertreueste Leserin. Schon seit meiner Kindheit, als ich ein kleines Mädchen namens "Sandy" in end-und sinnlosen Folgen durch wildes Indianderland scheuchte, wo es abstruse Abenteuer bestehen musste. Karl May würde sich totschämen, wüsste er, zu welch literarischen Unfug mich seine Bücher inspirierten... wenn er nicht schon tot wäre. Mir ist inzwischen schon allein der Gedanke an diese meine frühen Schreibversuche peinlich. Aber meine Mama fand die Geschichten schön. Naja, wie schon erwähnt, sie ist halt meine Mutter.
Bilder jeder Art haben auch mal ausgedient. Zwar bin ich gar nicht mal schlecht, was das Zeichnen und Malen angeht, aber man kann immer nur eine begrenzte Anzahl Bilder aufhängen, und irgendwann reicht es einfach. An jedem Fenster und an jeder Tür in der Wohnung meiner Eltern erinnern Rosenranken, Schmetterlinge und Kolibris an meine exzessive "Windows Colors"-Phase, und wenn sie wollte, könnte meine Mutter für den Rest ihres Lebens ihre gesamte Korrespondenz auf von mir gestalteten Postkarten abwickeln. Angeblich will sie das ja nicht, weil sie sich von keinem meiner kleinen Kunstwerke trennen mag... naja.
Fotos, von mir und von mir (also sowohl selbst geschossene als auch solche mit mir als Motiv) hat sie inzwischen auch erst einmal genug. Zuletzt bekam sie welche zu Weihnachten, und irgendwie wäre es doof, ihr nun schon wieder welche zu schenken. Und ich glaube, in der Wohnung ist auch nicht ein Fleckchen mehr, an oder auf das noch ein Bilderrahmen passt.
Also... was schenk ich denn nun der Mama??? |
Comments on 'Geschenke'
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Hej, wie wäre es mit einem Gutschein für eine gemeinsame Aktivität - einen Ausflug, Abendessen. Meine Eltern haben meine Oma mal eine Fahrt in ihre Geburtsstadt geschenkt und die hat sich riesig gefreut.
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