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Über das Seelenleben einer Pellkartoffel (11)

Der gestrige Tag war ja eigentlich nicht so toll, aber trotzdem: alles Schlechte hat ja auch was Gutes. Das Gute daran, dass ich gestern verschlafen habe, war der Blick ins Schaufenster des Buchladens gleich an der Bushaltestelle, an der ich ein paar Minuten warten musste. Normalerweise habe ich nie die Zeit und komme dort eigentlich auch selten vorbei, weil ich die Strecke zwischen S-Bahn und Arbeit ja meistens zu Fuss und auf anderen Wegen gehe. Aber gestern konnte ich mir den Luxus des morgendlichen Spaziergangs nicht erlauben. Also warf ich einen Blick in das Schaufenster. Und siehe da, mir haben gleich drei Bücher zugewinkt! Ich komme eigentlich zur Zeit nicht wirklich zum Lesen, und es liegen immer noch drei oder vier Bücher hier herum, für die ich bis jetzt einfach nicht den Nerv hatte, aber Bücher werden ja nicht schlecht, wenn sie im Regal stehen. Die drei im Schaufenster müssen meine, meine, MEINE werden! Vor allem werde ich sie selbst kaufen!

Das verstehe jetzt einer oder auch nicht, aber es ist für mich ein Unterschied, ob ich mir Bücher bestelle oder sie im Laden kaufe.
Online ist das freilich toll: du gibst einen Suchbegriff ein, meinetwegen den Autor oder das Genre...und peng: da hast du dann alles auf einmal vor dir, was es zu diesem Begriff gibt. Und du kannst den netten Warenkorb anklicken und anschliessend dein Bestellungsformular ausfüllen und abschicken...fertig. Dann kommt dein Paket.
Im Buchladen ist das anders. Ich schleiche um die Regale wie eine Katze um den Rahmtopf und bis ich mit EINEM Buch dann an der Kasse stehe, habe ich bestimmt zwanzig gestreichelt und in etliche hineingeschaut, von denen ich vorher noch nicht mal wusste, dass es sie gibt. Buchläden machen mich glücklich.
Bei uns zuhause gab es zwei Buchläden in meinem Stadtteil. Den einen gab es schon, da war ich noch ein Kind. Es war eben DIE Buchhandlung im Ort. Und nach der Wende wurde sie im Gegensatz zu vielen anderen Geschäften nur noch grösser und schöner. Irgendwann zog er ein Geschäft weiter (als der Kurzwarenladen, das reinste Paradies für Kinder, die auf Knöpfe und Reissverschlüsse in allen Regenbogenfarben standen...also für mich, die ich dort meinen ersten Stickrahmen und mein geliebtes Strickliesel gekauft bekam, auch wenn ich weder sticken noch stricken kann..., pleite ging und zumachte, weil die Leute heutzutage irgendwie nicht mehr so viel nähen oder handarbeiten) Jetzt kann man dort seltene Bücher im Antiquariat kaufen, und ich meine wirklich seltene Bücher... und ausserdem haben sie auch einen Weinkeller, in dem sie zu dem wirklich seltenen Buch dann auch gleich noch den passenden wirklich teueren Wein verkaufen.Und ich meine wirklich teueren Wein. Der grösste Teil des Ladens ist schrecklich nobel; immer wenn ich mal zuhause und in diesem Laden bin, traue ich mich gar nicht, dort ein Buch anzufassen, weil immer gleich jemand gerannt kommt und es mir aus der Hand nimmt, als wäre ich eine über und über mit Schokolade verschmierte Vierjährige...
Den zweiten Laden gibt es erst etwas über zehn Jahre. Er ist ganz klein und nennt sich "Bücherecke" und das passt auch zu ihm, denn er ist ganz verwinkelt und befindet sich an der Strassenecke, nur einen Steinwurf weit von der grossen Buchhandlung entfernt. Am Anfang lief es da gar nicht gut, denn die Einheimischen waren natürlich auf den altbekannten und vertrauten Namen der alten Buchhandlung fixiert. Und die kleine Bücherecke, die früher mal ein Tabak-und Zeitschriften-Kiosk war (glaube ich jedenfalls), wurde geradezu übersehen...
Ich ging da aber gerne hin. Duch die viel zu vielen und viel zu eng gestellten Drehständer, wie sie meist vor kleinen Zeitungskiosken oder ansonsten in den Buchläden nur vereinzelt stehen, war das ganze wie ein Labyrinth, und wenn ich erst mal drin war, dann kam ich da so schnell nicht mehr raus. Ausserdem war es so klein und nett. Die Inhaberin hatte ein wahnsinnsliebes Lächeln und redete mit jedem Kunden...und sie tat mir immer ein bisschen leid, wenn sie etwas nicht hatte und sagte: "Ja, dann gehen sie am besten mal rüber in die Buchhandlung S.- die haben das bestimmt." Ich meine, der Laden war so winzig, die konnten einfach nicht alles am Platz haben. Ich mochte den Inhaber der grossen Buchhandlung nicht, weil er mich mal dumm angemacht hatte (Ich habe Englisch nicht in der Schule gelernt, aber so mit neunzehn oder zwanzig konnte ich es trotzdem gut genug, um auch englischsprachige Bücher zu lesen, also kaufte ich mir The Catcher in the Rye, und als ich mir ein paar Wochen später dann die deutsche Ausgabe kaufte, weil ich wissen wollte "wie nah ich dran war", lachte er mich aus und sagte, sowas sei doch blöd) und wenn ich manchmal dort hin ging und sie mal wirklich ein Buch nicht hatten und mir anboten, es zu bestellen, dann sagte ich: "Ach, wenn Sie es nicht da haben, dann kann ich auch rüber ins Büchereck gehen und es dort bestellen. Ich kenn die da persönlich..." Ätsch!
Ich glaube, ich habe aus purer Solidarität angefangen, nur noch dort einzukaufen. Meist hab ich Bücher bestellt (dass ich irgendwann mal selbst einen Computer haben würde und mir Bücher, die ich im Laden nicht finde, auch selbst bestellen könne, wusste ich damals ja noch nicht), und sie hat sich fast ein Bein ausgerissen für mich. Als ich ein Buch über Velvet Underground bestellt hatte, blieb die Lieferung damals im Schnee stecken, irgenwo in der Lausitz, und als es endlich da war, freute sie sich fast mehr als ich mich...und ich freute mich schon wahnsinnig! Und dann, als ich schon nicht mehr da wohnte, ging ich jedesmal, wenn ich zuhause war, dort hin, weil sie etwas hatten, worauf ich ganz scharf war und nur dort bekam. Sie hatte inzwischen ein paar Geschenkartikel im Sortiment, darunter Briefpapier und Notizbücher mit einem ganz bestimmten Motiv drauf. Es gab sogar die passenden Kugelschreiber dazu...von einer kanadischen Firma...und es gab sie nur dort. Und einmal, als ich wieder da war und so ziemlich den ganzen Bestand an Notizbüchern aufkaufte, den sie hatten, sagte ich ihr, dass ich "extra von München" käme, nur dafür und für ihren Laden. Dass sie "sich fühlte", vor allem vor den anderen Kunden, war nicht zu übersehen...
Inzwischen geht das kleine Büchereck ziemlich gut, glaube ich. Hauptsächlich kannst du da eben Bücher bestellen, aber während du wartest, bis sie nach deiner Bestellung geschaut und dir deine Lieferung rausgesucht hat, kannst du dich gemütlich in dem kleinen Regal-Labyrinth umsehen und die Leute beobachten. Es ist ein kleiner Laden für kleine Leute mit kleinen Geldbeuteln in einer kleinen Stadt voller kleiner Leute mit kleinen Geldbeuteln. Du kriegst dort dein Taschenbuch und dein Reclam-Heftchen, und das Bilderbuch zu Katrinchens fünften Geburtstag kriegst du da auch...oder auch den Helden der Bilderbuchgeschichte als Plüschtier, falls Katrinchen das Buch schon hat. An der Kasse muss man manchmal auch schon mal etwas warten. Und komischerweise macht das gar nichts, denn wenn du da hineinkommst, kriegst du automatisch das Gefühl, dass du alle Zeit der Welt und es überhaupt nicht eilig hast, und meist kommen die Leute in der Warteschlange auch immer irgendwie ins Gespräch, denn schliesslich ist das eine kleine Stadt, in der man sich kennt.
Aber wenn es schnell gehen soll, kannst du ja rüber in die grosse Buchhandlung gehen.
Dort ist nie viel los...
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Comments on 'Über das Seelenleben einer Pellkartoffel (11)'
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drb drb
2006/07/15
ich sehe es vor mir ... stehe im kleinen laden und stöbere ... phantastisch beschrieben!!! ;)))

Plato Plato
2006/07/16
Klasse... :-))))

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