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Der ganz normale Wahnsinn (in Überlänge)

Vorgestern ging's mir offenbar wirklich nicht so gut, denn wie ich festgestellt habe, fehlt trotz aller Blog-Schreiberei so einiges, wenn nicht so gar das Wichtigste. Was da wäre: der Spätdienst überhaupt.
Der Sonntag!
Der fing ja schon damit an, dass es mir entgegen meiner fröhlichen Behauptung während des vorabendlichen Telefongesprächs mit meiner Mutter ("Mir gehts wieder richtig gut, bloss noch ein bisschen Kratzen im Hals und Schnupfen!") schon beim Aufstehen eher bescheiden ging. Kaum war ich in der Arbeit, gab es einen Riesenknall: und eine Bewohnerin war umgefallen. Sowas kommt ab und an mal vor. In allen Pflegeheimen dieser Welt. Und ausserhalb dieser Heime sowieso.
Als ich in das Zimmer kam, in dem es gerade gekracht hatte, waren schon zwei meiner Kolleginnen da. Die beiden hatten Frühdienst, und ich halte hier mal fest, dass die eine Pflegehelferin (Ich habe schon mit Pflegehelfern gearbeitet, die es vom Können her locker mit jeder Fachkraft hätten aufnehmen können, und ich weiss, dass Pflegehelfer oft den selben Job wie ich tun, sie werden nur noch schlechter als ich bezahlt. Und im Zweifelsfall bekomme ich den Ärger, nicht sie... von wegen Verantwortung, und das ist ja auch richtig so) und die andere eine Fachkraft ist.
Habe ich hier eigentlich auch schon mal erwähnt, dass ich ebenfalls eine Fachkraft bin? Ich war mir dieser Tatsache immer recht bewusst, doch seit ich auf dieser Station arbeite, vergesse ich das manchmal...also: ich bin eine examinierte Altenpflegerin. Jawohl.
Meine beiden Kolleginnen hatten die alte Dame bereits-eine rechts, eine links, auf gehts- gepackt und auf die Beine gestellt. Soweit die alte Dame das mitmachte. Es war also zu spät, die beiden darauf hinzuweisen, dass man sowas eigentlich nicht macht. Beide haben irgendwann mal einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht, denke ich, und da kriegt man beigebracht, dass man einen Verletzten, den man so in der Gegend herumliegend findet, erst einmal vorsichtig untersucht. Könnte ja sein, dass was kaputt gegangen ist. In diesem Altenheim hat sich folgende Vorgehensweise eingebürgert: man packe das alte Huhn, bugsiere es erst mal aufs Bett und schaue dann, ob noch alles dran ist...nun ja...
Die alte Dame hielt vom Stehen jetzt nicht soviel, ihrem Aussehen nach war sie auch umgefallen, weil ihr Kreislauf in die Knie gegangen war...und genau das, nämlich in die Knie gehen, tat sie auch, während sie noch zwischen meinen Kolleginnen hing. Ausserdem fing sie an zu würgen, was die eine dazu verleitete, sie mal eben los zu lassen und nach einem Eimer, einer Schüssel oder weiss der Geier was zu suchen. Keine so gute Idee. Ich meine, die Frau kann nicht nur nicht stehen, ihr ist auch noch schlecht, und dann hältst du ihr den MÜLLEIMER vors Gesicht??? Na danke, Anke! Dass die alte Dame nicht wirklich erbrochen hat, grenzt beinahe schon an ein Wunder...
Inzwischen war der anderen Kollegin zumindest schon mal eingefallen, mich nach dem Rollstuhl zu schicken, wofür sie einen Extrapunkt erhält, und einen zweiten bekommt sie, weil sie NICHT die Fachkraft war.
Wir packten Madamchen samt Mülleimer auf den Rollstuhl...und siehe da, die Fachkraft meldete sich zu Worte: "Wir müssen die hinlegen und kucken, ob die sich verletzt hat!" Sprich: nach äusseren Verletzungen schauen. Oha! Bissi spät, aber immerhin. Ich fand, nachdem wir das "Kucken, ob sie sich verletzt hat" nun schon mal vergessen hatten, (die alte Frau war volle Kanne aus dem Stand auf den Rücken gekracht...) könnten wir uns nun auch inzwischen vor allem den Symptomen widmen, die da immer noch auf einen Kreislauf-Kollaps hindeuteten. Also hinlegen und Beine hochlagern. Und wie wäre es denn mal mit Blutdruck, Puls und Blutzucker messen? Hm....
Wir legten die alte Dame also aufs Bett, doch kaum lag sie, klappte sie in der Mitte zusammen wie ein Taschenmesser und jammerte, es täte ihr rechts unter der Brust so weh...auch beim Atmen...
Es braucht jetzt keinen Arztstudium, um zu vermuten, dass die gute Frau sich eventuell eine oder mehrere Rippen geprellt oder gar angebrochen haben könnte, oder? Selbst meine examinierte Kollegin meinte, da könnte was gebrochen sein, was also machen wir?
Wie wäre es mit: Bereitschaftsarzt anrufen? Mir wird ja immer unterstellt, ich sei zu schnell damit, ebenjenen anzurufen, aber ich denke, der Unterschied zwischen ihm und mir ist eben jenes Studium, das er hat und ich nicht...und ich habe kein Problem damit, für übervorsichtig gehalten zu werden. Lieber einmal einen Arzt umsonst, als...
"Ja, dann ruf mal den Bereitschaftsarzt an...."
Ich? Wieso?
Versteht mich jetzt bitte nicht falsch. Es gibt ein paar eherne Regeln, und eine davon besagt, dass sich die im Dienst amtierende Schichtleitung bei Notfällen zu kümmern hat. Und wenn die sagt, ich solle den Arzt anrufen, dann mach ich das natürlich auch. Blöd ist nur, wenn ich dafür nicht ausreichend mit Informationen ausgerüstet bin: Wie lag sie, wie ist ihr Blutdruck, ihr Puls, ist sie ansprechbar...blablabla...wie war sie vor dem Sturz? Und so genau wusste ich es nun mal nicht, weil ich ja ständig aus dem Zimmer gesaust war, um dieses oder jenes zu holen und nebenbei noch ein paar halbherzige Anweisungen unters übrige Dienstvolk zu streuen. Dabei handelte es sich übrigens um eine einzelne Pflegehelferin, die mit mir für den Spätdienst eingeteilt worden und wirklich "auf Zack" war. Die zweite Pflegehelferin der Frühschicht war von der zweiten Fachkraft in die Pause geschickt worden. Warum auch immer...
Ich erzählte dem netten Menschen am Telefon also, was ich wusste und was mir zwischendurch so zugeflüstert wurde...und nebenbei bekam ich es noch mit einem ausgesprochen dämlichen Exemplar der Gattung Zeitarbeits-Pflegerin zu tun, die aus der Pause kam, sich ins Dienstzimmer hockte und anscheinend die Bedeutung von "Schwester sitzt am Telefon und spricht in den Hörer" NICHT kannte:
"...Blutdruck ist 100 zu 60, Puls ist schwer messbar und unregelmässig (was gelogen war, aber kein Schwein machte sich die Mühe, mal den Puls zu messen...und ich musste irgendwas sagen...man möge mir verzeihen)
-"Was issn passiert?"
Abwinken. "Keine äusseren Verletzungen, aber die Dame kann nicht auf dem Rücken liegen."
-"Is wer gestürzt?"
Heftiges Abwinken "Wie bitte? Oh...der Name ist XYZ, sie ist 1917 geboren."
-"Hey, du! Ob wer gestürzt ist."
Unwilliges Nicken "Was? Ja, sie ist ansprechbar..."
-"Und? Schlimm?Blutet sie?"
Hand auf die Sprechmuschel "Halt die Klappe, Mensch!"
(Herr, wirf Hirn vom Himmel und erschlag damit die Inge!!!)

Ich hatte gerade aufgelegt, als Fachkraft Nummer zwei ins Dienstzimmer marschierte und darüber sinnierte, ob man nicht vielleicht lieber den Notarzt hätte anrufen sollen...worauf ich ihr ziemlich unfreundlich sagte, was sie mich auch mal könne...
"Red, kuck mal, ob die Schmerzmittel als Bedarf hat..."
"Wozu? Du kannst ihr jetzt sowieso keine geben. "
"Äh...naja, ich wollte es überhaupt so mal wissen..."
"Hast du mal Blutzucker gemessen? Die war vorhin völlig verschwitzt, vielleicht hat die Unterzucker..."
"!!! Wollt ich grad machen..."

Als ich noch mal in das Zimmer kam, hockte unsere Pflegehelferin auf dem Bett bei der alten Dame und hielt ihr die Hand, was einerseits sehr lieb und löblich war, andererseits aber nicht rechtfertigte, dass sie mir auftrug, doch mal schnell die Tasche fürs Krankenhaus zu packen, denn: "Leute, wie denkt ihr euch das? Wir haben ausser ihr noch fünfundzwanzig andere Bewohner!!! Wir können uns nicht zu dritt um eine kümmern, vor allem, weil alles Wichtige jetzt schon getan ist..."
Okay, ich hab dann also noch die Tasche gepackt und dann angefangen, das Essen auszuteilen.
Kaum war ich dabei, stand meine Kollegin vom Spätdienst vor mir: "Frau ABC hat Durchfall, E. (die andere Fachkraft) hat gesagt, du sollst zu ihr gehen, sie hat keine Zeit, weil sie den Schreibkram für die fertigmachen muss, die hingefallen ist..."
Hmpf.
Wie sich herausstellte, hatte die Bemitleidenswerte schon seit der Nacht Durchfall, was aber keinen davon abgehalten hatte, ihr zum Frühstück Kaffee und Marmeladenbrote zu geben und ihr gerade, als ich ins Zimmer kam, auch noch das Mittagessen (Gefüllter Schweinebauch) reinzuschaufeln...Herr, was bat ich dich in Bezug auf Inge???
Wie sich weiterhin herausstellte, hatte die Ärmste auch nur deshalb Durchfall, weil sie am Tag zuvor aufgrund ihrer chronischen Verstopfung Laxoberal erhalten hatte....Ohje...
Irgendwann kam dann auch mal die Bereitschaftsärztin und schickte dann auch den Krankentransport, der unser armes altes gefallenes Mädchen einpackte und mitnahm, weil sie sich,wie sich beim Röntgen herausstellte, natürlich tatsächlich eine Rippe angebrochen hatte.
Ich schickte meine examinierte Kollegin nachsehen, ob inzwischen alle Bewohner zu essen bekommen hatten. Was sie aber irgendwie nicht so wirklich als Anweisung betrachtet haben mochte, denn als ich schliesslich (der Frühdienst verabschiedete sich mit einem "Macht einer von euch die Küche und der andere fängt mit der Lagerung an" in die Mittagspause) das Geschirr abräumte, fand ich noch zwei völlig unberührte Tabletts im Essenwagen und ging dann erst mal Essen eingeben. Und als ich schliesslich in der Küche die Medizinbecher vom Vormittag einräumte, fiel mir ein, dass sicher auch niemand die Mittagsmedizin ausgeteilt hatte. Was ja auch meine Aufgabe gewesen wäre, wenn ich denn nicht den Bereitschaftsarzt angerufen und die Tasche gepackt und dem Durchfall-Opfer das Essen weggeschleppt und die Küche gemacht hätte...Menno!
Da fällt eine alte Dame um und die Welt hört auf sich zu drehen im Drachenland...

Leute, passt bloss auf eure Alten auf!

Nennt mich jetzt ruhig böse und sarkastisch oder selbstgefällig. Ich weiss, dass ich nicht vollkommen bin, selbst Fehler mache und wenn es darum geht, mit Ärzten zu reden, bin ich auch alles andere als sicher, aber es gibt ein paar Dinge, die müssen einfach funktionieren, auch wenn sich der Boden teilt und der Himmel einstürzt.
Und DAS war meilenweit von FUNKTIONIEREN entfernt! Das war organisiertes Chaos!

Bezeichnenderweise wunderte sich von meinen Kollegen anschliessend niemand darüber, wieso die sonst so herzige Red dermassen sauer und grummelig war...sie haben sogar noch den Müll runter gebracht und beim Kaffee-Austeilen geholfen, bevor sie heimgingen.

Ach, und auch Inge zog unerschlagen von dannen...
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Comments on 'Der ganz normale Wahnsinn (in Überlänge)'
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Plato Plato
2006/08/29
Unglaublich, hätte nicht gedacht dass es so chaotisch zugehen kann...

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