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Filosofisches: Needful Things

2007/01/17

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Ich liebe Stephen King's "Needful Things". Ich mag auch das Buch, aber vor allem liebe ich die Geschichte. Ich habe schon als Kind darüber nachgedacht. Über den Preis der Dinge im Leben.
Die Geschichte handelt von einem neu eröffneten Laden in einer kleinen Stadt. Er nennt sich: "Needful Things". Notwendige Dinge. Dinge, die man braucht. Dinge, die man haben will. Ein Laden voller Obsessionen. Denn in dem Laden findet jeder, der hineingeht, so ziemlich das, was er sich am meisten wünscht und wovon er meint, es unbedingt haben zu müssen. Und der Preis scheint immer überraschend günstig. Der Kauf ist nie eine Frage des Geldes, denn der Ladenbesitzer fordert daneben immer noch eine Kleinigkeit: eine Gefälligkeit. Zu erbringen bei Bedarf. Und irgendwie sind es auch immer nur harmlose Streiche, die dafür begangen werden sollen. Bettlaken mit Schlamm beschmieren, Fenster mit Steinen zerwerfen. Autoreifen zerstechen. Briefe einstecken. Naja, und einen Hund erstechen. Nichts Weltbewegendes.
Ein kleiner Junge namens Brian findet in diesem Laden eine seltene Baseball-Sammelkarte, die für ihn so ziemlich das Wunderbarste auf der Welt ist. Er will diese Karte und er zahlt den ausgemachten Preis. Ein bisschen Kleingeld und zwei kleine Streiche. Am Ende erkennt er lange vor den Erwachsenen, die alle genau wie er ihre Seele in diesem Laden verkauften, dass es das nicht wert war (und dass diese Karte noch nicht einmal das ist, was er in ihr zu sehen glaubte, denn alle Dinge in diesem Laden sind nur wertloser Krempel)- und bringt sich um, weil er damit nicht leben kann. Kurz darauf drehen in der Stadt alle durch, weil sie sich natürlich alle gegenseitig Streiche gespielt haben und kleine Dinge bekanntlich grosse Auswirkungen haben können. (Wenn man zum Beispiel die Fenster der einen Frau einschlägt und den Hund der anderen absticht, und sich beide Frauen nicht abkönnen und die jeweils andere verdächtigen, dann verarbeiten sich die beiden eben gegenseitig zu Ragout)
So in etwa ist die Handlung der Geschichte.

Mir kommt das Leben manchmal wirklich wie solch ein Laden vor. Ein Laden voller "Notwendiger Dinge"

Du kommst hinein und findest so ziemlich alles, was du dir nur vorstellen kannst. Und eine Menge Dinge, die du dir nicht hast vorstellen können, weil du nie auf den Gedanken gekommen wärst, dass es so etwas geben könnte. Aber es gibt einfach alles. Und irgendwie ist alles so toll und bunt verpackt und schreit: "KAUF MICH!" Man kann gar nicht anders, als mit grossen Augen über das Angebot zu staunen, und wenn man erst einmal eine Weile da ist und sich umschaut, dann findet man eine ganze Menge "needful things"

Das Glück in allen nur erdenklichen Varianten, z.B. als "beruflich", "privat" "deluxe" oder "NEU! Jetzt auch mit REICHTUM!!" und in den Formaten "klein", "gross" und "XXL" steht aufgestapelt neben den Seitensprüngen, die einzeln oder auch in der praktischen Mehrfachpackung angeboten werden und, wenn man der Verpackung Glauben schenkt, so ziemlich keinen Wunsch offen lassen. Gleich nebenan türmen sich die kleinen und grossen Dummheiten in schriller Aufmachung. Ein wenig diskreter, jedoch durch den in Grossbuchstaben aufgedruckten Vermerk:"ABSOLUT UNGEFÄHRLICH" nicht weniger verführerisch, kommen die Gedankenlosigkeiten daher. Nimmst du von denen drei, dannn bekommst du einen Leichtsinn umsonst dazu, weil gerade Abenteuer-Aktionswoche ist. Vom Erfolg findest du ganze Regale voll, und natürlich stehen die Versionen der Firma "Betrayal&Corruption" in Augenhöhe, während du dich für die Marke "ehrlich" ziemlich krumm machen musst, denn die findest du ganz unten. Vergeltung, Rache und Genugtuung liegen durcheinander auf dem Wühtisch zwischen Intrigen (da gibt es jetzt übrigens in jeder Packung eine Gratis-Lüge dazu), Schikanen und Verrat. Die Bosheiten und grossen wie kleine Grausamkeiten haben jetzt noch hübschere Aufmachungen und sind auch im Jumbo-Vorratspack oder zusammen mit den Gemeinheiten in der praktischen Kombi-Packung zu bekommen.
Weiter hinten findest du alles von Totschlag bis hin zum Völkermord. Perversionen aller Art gibt es auch, natürlich etwas abseits, aber das Schild "Ab 18" nimmt keiner so wirklich ernst. Jeder kann hier alles haben. Die meisten Leute gehen da gar nicht hin, weil sie auch so schon alles finden, was sie brauchen, und auch, weil sie sich in der Abteilung sehr unwohl fühlen und das Angebot da nicht mögen, und manch einer regt sich auch immer mal wieder auf, weil man sowas überhaupt nicht kaufen können sollte. Aber es gibt für alles jemanden, der es will. Immer.
Sicher, es gibt auch wirklich nette Dinge. Zum Beispiel Liebe und Zuneigung. Es gibt soviele Varianten von Liebe und Zuneigung, und alle sehen sie absolut wunderbar aus. Und überall steht drauf "echt" oder "wahr". Man kann sich überhaupt nicht entscheiden, so gross ist das Angebot, und viele stehen ratlos vor den Auslagen und nehmen schliesslich irgendwas, auch wenn sie nicht wissen, ob ihre Wahl richtig ist. Wenn du nach Freundschaft suchst, die befindet sich genau zwischen Bewunderung und Heuchelei, und du musst schon genau hinschauen, weil sich die Verpackungen verteufelt ähnlich sehen. Bei der Anerkennung ist es ähnlich, da musst du aufpassen, die auf der einen Version steht zwar drauf: "Hergestellt von FALSCH und SCHEIN", aber das ist so kleingedruckt, das sieht man gar nicht! Am Ende vertust du dich da noch! Hier haben sie natürlich auch noch diesen kleinen Bereich, in dem sie die ewigen Ladenhüter anbieten. Zum hundertsten Mal herabgesetzt. Ziemlich verstaubt. Aber manchmal kommt ja doch noch jemand, der nach Wahrheit sucht. Nach Anstand und solchem Kram wie Menschlichkeit, Vertrauen und Güte. Das Zeug ging aber noch nie besonders gut, ich glaube, da hat manches schon antiquarischen Wert. Naja, hätte.

Das Verrückte ist, dass viele Menschen irgendwie von so vielen Dingen glauben, sie würden sie unbedingt BRAUCHEN. Entweder, weil sie Leute kennen, die irgendetwas haben und damit so glücklich und zufrieden zu sein scheinen, dass sie fast ein bisschen neidisch sind. Oder auch, weil sie das Angebot schlichtweg erschlägt. Eben wussten sie von so vielen Dingen noch nicht einmal, dass es sie gibt, und auf einmal befürchten sie, nein: sie sind davon überzeugt, dass sie nicht einen glücklichen Tag mehr OHNE sie erleben werden. Es gibt für jeden das EINE, das er sich mehr als alles andere wünscht, und das er unbedingt haben möchte. Etwas, was ihn dazu bringt, nicht nachzudenken. Über sich. Über andere. Etwas, das ihn dazu verführt, bei "Needful Things" Kunde zu werden.
Und natürlich lässt es sich über den Preis reden.

Denn hier wird getauscht. Eine Kleinigkeit... irgendwas, das du entbehren kannst.
Wie wäre es mit deiner Ehre? Mein Gott, kein Mensch braucht sowas heutzutage noch! Das selbe gilt für die Würde, die wird völlig überbewertet! Oder dein Gewissen? Wie, du brauchst dein Gewissen? Wozu denn? Weisst du eigentlich, wie viele Leute da draussen ohne herum laufen? Und ausserdem: du schläfst ohne auch besser, du wirst es sehen! Aber auch deine Seele wäre völlig okay. Mal im Ernst, an die glaubt doch eh keiner. Nicht mal du. Vermutlich gibt es die nicht einmal. Das ist doch ein Wahnsinns-Angebot, praktisch geschenkt! Gib schon her! Sei nicht blöd, so eine Chance kommt nie wieder!
Jeder hat irgendwas, das er nicht braucht oder entbehren kann. Achtung. Das Vertrauen anderer. Das Gefühl der Zufriedenheit beim Blick in den Spiegel. Seinen Sinn für Gerechtigkeit. Sicherheit.
Es gibt so viele Dinge, die besser zu sein scheinen als das, was wir schon haben. Und manchmal macht man vielleicht einen wirklich guten Tausch. Wenn man beispielsweise seine "Freiheit" oder Eigenständigkeit gegen Zweisamkeit eintauscht. Und sowieso die Nase voll davon hatte und sie nicht vermisst. Oder vielleicht vermisst, es aber nicht anders haben möchte. Oder wenn jemand seine freie Zeit und vielleicht auch sein privates Vergnügen für beruflichen Erfolg eintauscht. Es gibt Menschen, die wollen es wirklich so. Aber was ist mit dem, der für einen One Night Stand mit der Liebe und dem Vertrauen seiner Frau bezahlt, obwohl er das nicht vorhatte? Oder mit einem, der eine Dummheit gleich mit dem Leben bezahlt? Viele Dinge sind vom Umtausch ausgeschlossen. Fast alles eigentlich.
Wie: du willst deine Freunde zurückhaben? Weil die ehrlich waren. Gleich wird mir schlecht! Herzchen, komm mir doch nicht so. Du wolltest die Bewunderung doch um jeden Preis, nicht wahr. Naja, da hast du sie! Und jetzt, wo du mit der Horde verlogener Schleimer und Arschkriecher nicht mehr zufrieden bist, aus welchem Grund auch immer, willst du plötzlich deine Freunde wieder? Halloho? Das ist hier doch kein Wunschkonzert! Na und, was kann ich denn dafür, dass du jetzt nicht mehr glücklich bist. Du sagtest Bewunderung, nicht Glück! Man kann nicht alles haben, Schätzchen! So ist das Leben.

Man bezahlt fast immer mit irgendwas. Oft wird es einem nicht mal bewusst, und das ist auch gut und soll auch so sein. Trotzdem ist es vielleicht nicht verkehrt, sich so dann und wann Gedanken darüber zu machen, ob der Preis für etwas nicht schlicht zu hoch oder die Sache überhaupt nicht wert ist. Möglichst vorher. Denn manchmal bereut man es hinterher bitterlich, und die heissbegehrten "Zweiten Chancen", "Nächsten Versuche" und "Neuanfänge" gibt es immer nur so lange wie der Vorrat reicht.

...und klar: best things in life are for free. Meistens. Wenn man sie nicht gerade getauscht hat....
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Comments on 'Filosofisches: Needful Things'
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chris23 chris23
2007/01/17
Das war jetzt aber ein laaaaaaaaaaaannnnnnnnnngggggeeeeerrrrrr Blog

ungruende ungruende
2007/01/18
trauriges thema.
schoen beschrieben.

traurig wohl nur,
wenn man nichts mehr hat - zum tauschen.
seele will ja niemand, braucht ja niemand. hat ja jeder.
und gewissen sind meistens eh schon schlecht.

schoen wohl nur,
wenn man genug hat - zum tauschen.
wenn man weiß, daß das, was man hat und ist,
gerade sehr gefragt ist.

will trade
needful stocks
for bears and bulls.

Spry Spry
2007/06/22
Ist es nicht seltsam, dass du das leben und alles, was es bietet, als konsum betrachtest, als dinge, die man vorher nicht hatte, sie nun vor sich gelagert sieht und wählen könnte, was man gerade als erachtenswert einschätzt? Dass man sich einfach aus einem warenkorb bedient? Ich kann deine Argumentation durchaus nachvollziehen und kann dir auch noch anfänglich durchaus zustimmen. Aber ich finde, darin liegt einer der größten Fehler unsres heutigen Geschlechts. Das was du wünscht, das, was in dir schlummert, wird versucht von außen zu erreichen – es wird als Besitz angenommen. Es wird nicht aus sich entwickelt, sondern von außen befriedigt. Liebe suchen wir durch einen anderen zu erlangen, indem wir uns an unserer Liebe an ihm für uns selbst ergötzen und uns in dem Bild, das er uns von uns selbst sugerriert baden. Die erfüllung meiner wünsche nach außen zu verlagern wird auch von den zahllosen clubs, bars und diskotheken erfüllt. Ein ort, an dem mir freude durch konsum versprochen wird. Wieviel besser würde es uns gehen, versuchten wir zu entdecken, dass wir alles das in uns selbst tragen – rachsucht, liebe, überraschung, missgunst, erfüllung. Daher gehen menschen in einen laden, da sie ein verlangen verspüren, diese dinge zu erleben, aber rachsucht kann ich nicht haben, rachsüchtig kann ich nur sein. schonmal versucht, jemand das gefühl der rachsucht zu erklären? Emotionen müssen wachsen, sie müssen in dir gedeihen, schließlich musst du sie auskosten wie eine süße frucht, dann wirst du dich auch ewig an ihren geschmack erinnern.
Alle Emotionen, alle verzweifelten Wünsche, alles, was wir als gewissen, seele und tugend bezeichnen, ist nichts statisches. Es ist nichts, was verpackt, ausgestellt und an sich genommen werden kann. Daher werden auch die meisten menschen, die im „needful things“ einkaufen, nicht glücklich werden – da sie ein vorgefertigtes produkt erwarten und enttäuscht sind, wenn es ihre erwartungen nicht erfüllt.

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