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Stippvisite

2006/10/09
Ich habe hier lange keinen Dummsinn mehr verzapft, hier nicht und auch nicht anderswo, und das ist ungewöhnlich für mich; genau genommen sogar beunruhigend...bin ich am Ende krank geworden? Werd ich jetzt erwachsen und widme mich den wichtigeren Dingen? Oder ist dieses Nicht-Bloggen der Beweis dafür, dass ich nicht nur weniger Leben als Blogs habe, sondern nicht mal eins für ein Blog?

Die Antwort (auf alle Fragen) lautet: NÖ!

Ich bin nicht krank geworden, weil Krankwerden für gewöhnlich Gesundsein voraussetzt, und diese Voraussetzung mir momentan irgendwie fehlt: mir geht es nicht schlecht, aber gut ist was anderes, denn zum einen scheint mein Immunsystem vor einiger Zeit ein Schild ins Fenster gehängt zu haben, auf dem zu lesen ist : "Out Of Order", zum andern...naja, seien wir ehrlich: Red wird nicht erwachsen, sie wird höchstens alt. Und bevor ich jetzt bei den Rückenschmerzen anfange und bei ...was auch immer aufhöre, lassen wir das lieber. Und was das Leben angeht, nun ja. Es ist klein, es ist alltäglich und mitunter nervtötend gleichförmig....aber es ist meins. Vom Umtausch ausgeschlossen und ohne Rückgabegarantie. Haltbar bis: siehe Deckel...

Leben passiert, während wir mit anderen Dingen beschäftigt sind. So heisst es. Good old John Lennon hat es wohl mal noch eine Spur härter formuliert und gemeint, dass das Leben passiere, während wir damit beschäftigt wären, andere Dinge zu planen, was ja bedeuten würde, dass wir, so beschäftigt mit dem Planen von Plänen nicht zum Leben leben kämen. Oder so. Ja.
Ich für meinen Teil kann mit einigermaßen guten Gewissen sagen, dass ich mein Leben lebe, während es passiert. Und meist passiert es ziemlich planlos. Pläne waren noch nie so mein Ding. Mein Leben passiert, wie gesagt, und es passiert, ob ich das nun will oder nicht. Es hat seinen eigenen Plan und verfolgt ihn, mit mir oder auch ohne mich.

Ich bin seit über einer Woche wieder in der Arbeit und weiss gar nicht, wie ich beschreiben soll, was gerade auf meiner Station passiert. Die Chefin ist nicht da, weil sie ihre Überstunden am Stück abbauen und währenddessen Supervision über sich ergehen lassen muss, und wir sind nicht nur auf uns gestellt, sondern haben die schwierige Aufgabe zu bewältigen, bin Januar so etwas wie ein Team zu werden. Ich weiss nicht so recht, wie das gehen soll, aber ich weiss, dass wir das schaffen müssen, denn wenn die Drachin nach Ablauf dieser Schonfrist wieder kommt und wir nicht bewiesen haben, dass sie die Wurzel allen Übels auf dieser Station war und ist, dann gnade uns Gott: die Drachin wird's nämlich nicht tun. Im Gegenteil. Wenn wir versagen, endet das, was vor ein paar Wochen recht vielversprechend angefangen hat, nämlich in einem metaphorischen Blutbad.

Ansonsten gibt es nicht viel zu erzählen. Nicht dass Altenpfleger nicht immer was zu erzählen hätten, denn das haben sie durchaus; angefangen von den kleinen Seltsamkeiten des Heimalltags über die üblichen netten und mitunter skurrilen Anekdötchen...und nicht zu vergessen der Klatsch und Tratsch, der gewissermassen alles zusammen hält. Aber es ist doch immer dasselbe.
Ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, dass ich meine Chefin vermisse. Oh nein, das tue ich nicht. Von mir aus kann sie gern wegbleiben und nie wieder kommen. Oder wiederkommen und dann wieder verschwinden, möglichst für immer. Aber ich komme mir gerade vor wie sich ein Actionheld fühlen mag, wenn nach zweieinhalb Stunden wilder Verfolgungsjagden und Kloppereien plötzlich der Abspann läuft und er, die jüngst gerettete Schöne im Arm, sich fragt: "Und was jetzt?" Alltag? Friede, Freude, Eierkuchen???
Die Ruhe nach dem Sturm ist immer auch die Ruhe vor dem Sturm. Das ist ein Fakt. In meinem Leben jedenfalls.
Und mir ist aufgefallen, dass ich nicht weiss, was ich in der Ruhe zwischen zwei Stürmen machen soll.
Obwohl das so ja eigentlich nicht stimmt.
Ich trau dem Frieden einfach nicht.

Aber was soll's. Im Augenblick jedenfalls bin ich damit beschäftigt, Sturmschäden zu beheben. Von denen gibt es einige. Die letzten acht Tage in der Arbeit waren wirklich hart. Härter als die letzten acht Monate mit der Drachin. Denn die Drachin hat mich behandelt, als sei ich der letzte Depp, und ich gebe zu, dass ich, harmoniebedürftig, wie ich nun mal im Grunde bin, und wissend, dass man, wenn man denn kein Sprinter ist, der in Nullkommanix das Ziel erreicht, seine Kräfte einteilen muss, um ebenfalls anzukommen, mich nicht dagegen gewehrt habe, wie ich es hätte tun sollen oder müssen...oder vielleicht auch gekonnt hätte. Frei nach dem Motteo: Bist du ein Bröckchen Drachenfutter, dann tu, wie das Drachenfutter es tut. Und ich habe mir immer gesagt, dass es okay ist, für einen Deppen gehalten zu werden, solange man nicht wirklich einer ist. Aber die Zeit unter dem Regiment meiner despotischen Drachin ist nicht spurlos an mir vorbei gegangen. An keinem von uns, freilich, aber ich spreche ja nur für mich, und ich muss sagen, es ist verflucht anstrengend, sich plötzlich Anforderungen an die eigenen Fähigkeiten gegenüber zu sehen, wenn bis dahin die einzige Anforderung an einen die war, eben jene Fähigkeiten zu vergessen und zu tun, was einem gesagt wurde.
Auf einmal soll ich nicht tun, was gesagt wird. Ich soll sagen, was getan werden soll. Und ich muss gestehen, dass ich mich daran erst wieder gewöhnen muss...
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Comments on 'Stippvisite'
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slayer slayer
2006/10/09
Quatsch, du bist doch kein Drachenfutter! Du bist eher.. ähm... ein kleiner Drachentöter. Oder gar selbst eine kleine Drachin auf deine eigene charmante, liebenswerte, nicht-erwachsene Art :)

yven99 yven99
2006/10/10
Chere Cheveux Rouges
ich musste sehr schmunzeln, als ich Deinen Text gelesen habe. Vieles kommt mir bekannt vor und war treffend auf den Punkt gebracht.
Lass den Kopf nicht hängen und nutze die Chance!


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