Spontaneität
Vor gut einem Monat bekam ich von meiner besten Freundin die Nachricht, dass bei ihr am Institut - sie arbeitet am
Georg-Eckert-Institut für Schulbuchforschung (ich wäre von allein nie auf die Idee gekommen, dass es so was überhaupt gibt ;-) ) eine Autorenlesung mit Sten Nadolny stattfinden wird und ob mir das nicht ein willkommener Anreiz sein könnte, sie endlich, endlich, endlich wieder einmal zu besuchen.
Unsere Freundschaft entstand 1985, als wir im Oktorber etwa zeitgleich in Braunschweig in unsere ersten eigenen Wohnungen einzogen - mein Holder und ich zwecks Studium, und sie nach einer heimlich vollzogenen Trennung von ihrem damaligen Mann.
Es waren für uns Zeiten des Umbruchs und der neuen Erfahrungen, und wir hatten sehr viel Gelegenheit sie zu teilen, obwohl sie schon im Berufsleben stand und einen vollkommen anderen Tagessrythmus hatte als wir "lotterigen" Studenten.
Eine bessere Nachbarin hätten wir nie finden können, wir betreuten gegenseitig die Männer, Katzen und für kurze Zeit auch die Kinder, und die Jahre, die wir Tür an Tür leben durften, gehören zu den größten Geschenken, die mir bisher zuteil wurden.
Als wir dann 1991 hier raufzogen, war ich mir nicht sicher, ob unsere Freundschaft auf die Distanz Bestand haben könnte, denn zu oft hatte ich erlebt, dass mit dem Wegfall des gemeinsamen Lebens-Hintergrunds auch die Freundschaften zerbröckelten.
Aber meine Freundin war immer aktiv und spontan genug, Zeit und Gelegenheit für Besuche bei uns unterzubringen (Besuch zu haben ist für mich kein Ding, selber auf Besuch zu fahren dagegen viel, viel schwieriger). So gab es zum Glück neben Endlostelefonaten und später dann intensiver E-mail-Nutzung immer auch zwei bis drei Termine im Jahr, wo wir uns leibhaftig in die Arme fallen und die Nächte durchquatschen konnten.
Tja, als sie nun diesmal ihre Einladung so gekonnt mit einem weiteren Anreiz gekoppelt hatte, kam sogar ich, die Unbewegliche, Träge und stets Bedenkliche ins Grübeln, ob ich den Besuch nicht tatsächlich möglich machen könnte, schließlich hatte ich Sten Nadolnys
"Entdeckung der Langsamkeit" und "Ein Gott der Frechheit" mit Genuß gelesen und die Aussicht, einen klitzekleinen Eindruck von dem Menschen zu bekommen, der dahinter stand, war schon verlockend, auch wenn mir normalerweise die Werke genügen.
Natürlich galt die Einladung unserer gesamten Familie inklusive Hund, aber da die Termine meines Mannes sehr unübersichtlich waren und keine feste Zusage zuließen, blieb ich ihr die Antwort schuldig und raffte mich selbst zu keiner eigenen Entscheidung auf.
Am Freitag, dem 6.10. um 20 Uhr sollte die Lesung beginnen.
Hmmmm - freitags auf der A1, A7 und A2 unterwegs zu sein, gleicht einem Selbstmordkommando in Sachen Nerven, zumindest wenn man nicht früh genug am Morgen loskommt... nicht gerade verlockende Aussichten, sich auf den Weg zu machen, oder?
Aber so ohne Familie könnte ich es ja mal schaffen rechtzeitig loszufahren??
Warum nur war ich so schrecklich unflexibel und zu keiner Spontaneität fähig und haderte endlos mit mir rum, nur weil popelige 300km Wegstrecke vor mir lagen - und das, wo ich eigentlich für mein Leben gern Auto fahre... mann, ich kann Euch gar nicht sagen, wie sehr ich mit mir haderte. Ich fand mich selbst mal wieder voll ätzend, dass es überhaupt irgendwelcher Überlegungen bedurfte, um mich dafür zu entscheiden, denn mein Gefühl hatte längst ja gesagt.
Aber am Donnerstag um die Mittagszeit schien hier dann strahlend und golden die Herbstsonne, mein Verstand kapitulierte und gab Raum für die unbändige Lust, mich zur Abwechslung mal auf den Weg zu machen und meine Freundin zu überraschen.
Mit ihr kann ich das machen, während das in bezug auf mich eine echte Katastrophe wäre, und selbst beste Freunde sich ersteinmal auf gute zwei Stunden wüste Beschimpfungen einstellen müssten, ehe ich anfangen kann, mich über ihre Eigenmächtigkeit zu freuen ;-)
Zur Vorsicht habe ich dann aber doch ihren Mann noch eingeweiht, damit ich nicht am Ende vollkommen ungelegen komme, und sie ihr Wochenende bereits anders verplant haben.
Der war jedoch total begeistert und das steigerte meine Vorfreude (und meine Zufriedenheit mit mir, zu einer richtigen Entscheidung gelangt zu sein).
Nun ja... natürlich kam ich nicht rechtzeitig genug los - alte Tüdel-Ella - und stand, nachdem ich Hamburg gerade noch so umschifft hatte, bei Hannover schön im Stau. Zur Krönung verfranste ich mich dann auch noch abfahrtsmäßig und durfte durch ganz Braunschweig zockeln, obwohl ich die Gegend doch nun wirklich kennen sollte. Einzige Entschuldigung kann nur sein, dass ich halt schon seit Ewigkeiten nicht mehr selbst dort gefahren bin.
Immerhin habe ich mein Ziel erreicht - das einzige, was zählt!
Zu meiner Überraschung war bei meiner Ankunft aber nicht meine Freundin zuhause, sondern ihr Männe, denn sie mußte wegen der Veranstaltung natürlich länger arbeiten. Super. Als sie statt um eins um fünf nach Hause kam, war sie eigentlich grottenfertig und hatte keine Lust abends noch mal ins Institut zu fahren.
Mir war´s egal, denn ich war einfach nur froh zu sehen, dass sie sich trotz der Erschöpfung riesig freute, dass ich gekommen bin.
Am Ende sind wir aber doch über uns hinausgewachsen und sind noch zu der Lesung gefahren, die leider nur sehr spärlich besucht war.
Ich mit meinen Vorurteilen im Gepäck, ob so was überhaupt Sinn machen kann, die anderen ohne den leisesten Schimmer, was sie erwartet, weil sie weder das Buch, aus dem er lesen würde, noch den Autor selbst kannten.
Am Ende waren wir alle absolut positiv überrascht.
Das war ein überaus sympatischer und lebendiger und gefühlvoller Mensch, dessen Ausführungen eine gehörige Portion hintergründiger (Selbst-)Ironie in sich trugen, die armen einladenden Historiker (denn die Lesung fand im Rahmen einer Historiker-Konferenz statt) vollkommen im Regen stehen ließen, was ihre Erwartungen an ihn als promovierten Historiker betrafen und einfach seine Freude am Erzählen und an der Sprache selbst zum Ausdruck brachten. Genial.
Den Rest des Wochenendes verbrachten wir mit gutem Essen, schönen Getränken und endlosen Gesprächen... gestern abend schlug ich dann schlag ko aber total glücklich wieder bei uns zuhause auf.
Es kann so einfach sein.
Hoffentlich denke ich beim nächsten Mal daran und kann mich leichter aufraffen, ein wenig spontaner zu sein.
Euch einen schönen Herbst mit einer Vielzahl überraschender und anregender Erfahrungen!! |
Comments on 'Spontaneität'
Refresh
Toller Eintrag :)
Ich hoffe, das es am Ende dann doch kein "Selbstmordkommando in Sachen Nerven" wurde. Was man alles erleben kann, wenn man nur seinen eigenen Schweinehunde überwindet und Neues (in dem Fall Altes) in sein Leben lässt :)
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Öhm... ich glaube, ein paar Nervlein hatte ich noch retten können, aber die hat mir mein Sohn am Sonntagabend dann mit seinen Mathehausaufgaben - Dreisatz - (was haben mein Holder und er eigentlich die ganze Zeit gemacht???) geraubt.
Und natürlich musste ich die große Enttäuschung überwinden, nicht alleinige Gewinnerin des Lottojackpots geworden zu sein, obwohl es auch gereicht hätte, wenn meine Freundin ihn gewonnen hätte, da sie für unsere Familie schon 5 Mio eingeplant hatte ;-)
Wäre schön, wenn bei mir nur ein Schweinehund existierte, ich vermute jedoch, dass ich gleich ein ganzes Rudel beherberge!
Aber es stimmt schon: ein bisschen offen bleiben für die Möglichkeiten des Lebens kann ganz sicher nicht schaden!
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