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Armut anderer Art

2008/06/06
| Category: Miscellaneous | VotesThumbs downVotesThumbs up | Votes: 1
Blog reply on: versteckte armut from benzin
Die von benzin beschriebene Armut wird in unserer Gesellschaft wohl nur zu gern verleugnet; vielleicht auch deswegen, weil es keine einfachen Lösungswege gibt?
Mir jedenfalls fallen keine ein, was genauer betrachtet eigentlich schon ein Armutszeugnis ist.

Aber mir ist in dem Zusammenhang etwas eingefallen, was ich neulich erlebte, und was eine ganz andere Armut zeigt, die mich nicht weniger betroffen macht, als wenn alte Menschen es nötig haben, die Abfalleimer nach etwas Brauchbarem durchsuchen zu müssen...

Ein ganz normaler Freitagabend bis auf die Tatsache, dass ich vergessen hatte Brot zu besorgen, was aber für das Abendbrot meines Holden unerlässlich ist.
Da die Bäcker in Reichweite schon geschlossen haben, werfe ich also mein Auto an und zuckele zum nächstgelegenen Famila-Markt, um den Mangel zu beseitigen. Klar bin ich in Zeitdruck und ärgere mich über mich, dass ich die Vorräte nicht beizeiten kontrolliert habe.
Der kürzeste Weg ist normalerweise nicht stark befahren und recht idyllisch, so bin ich ein wenig erstaunt, dass direkt vor mir mindestens fünf andere Fahrzeuge ebenfalls in meine Richtung wollen.
In Gedanken damit beschäftigt, was ich wohl mache, wenn unser Lieblingsbrot ausverkauft sein sollte, nehme ich dennoch schon recht früh eine Gestalt am rechten Straßenrand wahr, der unbefestigt und dank der Witterung ziemlich mullig ist.
Ich richte mich mehr instinktiv darauf ein, dass die Kolonne vor mir abbremsen wird, aber nichts dergleichen passiert. Einer nach dem anderen fährt vorbei, obwohl ganz klar ersichtlich ist, dass da ein Mensch mit seinem Fahrrad gestürzt sein muss und sich gerade ziemlich mühsam aufzurichten versucht.
Gut anhalten kann man direkt an der Stelle nicht, also fahre ich ein Stück weiter, stelle mein Auto sicher ab - ist bei mir gar nicht so selbstverständlich, wenn ich spontan anhalte ;-) - und gehe zurück.
Es stellt sich heraus, dass es eine alte Frau ist, die in dem weichen Sand weggerutscht war und zu Fall kam. Das Fahrrad liegt auf ihr drauf und sie kann aus eigener Kraft nicht sich selbst und das Rad anheben. Ich helfe ihr, suche ihren Schuh, der bei der Aktion im Laub verloren gegangen ist und frage, ob ich sie nach Hause begleiten soll.
Gottseidank ist sie recht weich in der Böschung gelandet und hat sich nicht verletzt. Nein, sie wohne gleich um die Ecke und schöbe nun den Rest des Weges nach Hause.
Alles in allem eine Aktion, die mich knapp fünf Minuten kostete, die Frau aber war dankbar und froh, dass ihr jemand geholfen hatte.

Natürlich ist mir klar, dass das Ganze auch anders hätte aussehen können, aber ist das schon Grund genug, so zu tun als sähe ich den Menschen in Not vor meiner Nase nicht?

Dass kein anderer auf die Idee gekommen ist, wenigstens Hilfe anzubieten, fand ich jedenfalls erschreckend und sehr "arm".
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Comments on 'Armut anderer Art'
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benzin benzin
2008/06/06
ich vermute daß diese gleichgültigkeit gegenüber dem mitmenschen eine folge der überregelung einer gesellschaft ist.
was kümmert mich jemand in not? es gibt ja die polizei, den arzt, die feuerwehr, außerdem bin ich in eile.
armselige einstellung, in der tat.


was meinen blogeintrag angeht: sicher gibt es keine einfachen lösungen, aber ich weiß daß es ein alarmzeichen ist, wenn menschen im müll wühlen, obwohl konzerne gleichzeitig rekordumsätze melden und dabei auch noch subventioniert werden werden.

annianbi annianbi
2008/06/07
Da hast Du mit der "Überregelung" einen wirklich sehr interessanten Aspekt ins Spiel gebracht, der mir so klar noch nicht in den Sinn gekommen ist...
Ich hatte eigentlich eher darauf getippt, dass da auch eine Menge Unsicherheit reinspielt, weil man eben vorher nicht weiß, wie so was ausgeht, und ob man das dann tatsächlich auch gut geregelt bekommt.

Armut ist ein sehr schwieriges Kapitel und immer ein Alarmsignal.
Ganz sicher gibt es viele Verteilungsmodalitäten, die dringend auf den Prüfstand müßten.
Ein zentrales Problem ist, dabei auch den nötigen Weitblick zu haben, dass nicht nur die Symptome kuriert, sondern tragfähige Lösungen erarbeitet werden, deren Konsequenzen nicht anderswo neue Brennpunkte schaffen.
Das fällt mir schon im kleinsten Kreis schwer... wie soll das für eine ganze Gesellschaft gehen??

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