zum Beispiel...
Nachdem Plato so nett kommentierte, er wolle gern mal wieder was aus meinem Alltag lesen, versuche ich dem nachzukommen. Die Frage ist nur: wo fange ich am besten an?
Na, nehmen wir doch zum Beispiel einfach den letzten Sonntag.
Da wir aufgrund unterschiedlicher Schulzeiten und sich einschleifender Nachlässigkeiten schon recht lange kein geregeltes gemeinsames Mittagessen mehr hatten, wollte ich mit einem typisch deutschen Sonntagsessen, das dem Geschmack der ganzen Familie entspräche - normalerweise kocht mein Holder am Wochenende gern ein wenig ausgefallener, was die Kinder nur bedingt entzückt - ein Zeichen setzen. Rouladen, Rotkraut, Kartoffeln. Ja, okay, eigentlich gehören Klöße dazu, aber ich hatte versäumt, welche zu besorgen und selbst gemacht habe ich die noch nie...
Natürlich haben wir entgegen meiner Absicht alle bis weit in den späten Vormittag geschlafen, so dass ich, wollte ich das Essen zu einer halbwegs zivilisierten Zeit auf dem Tisch haben, den Gang mit dem Hund an meinen Gatten delegieren mußte.
Das beschwor den ersten Unfrieden herauf, denn natürlich ist es ihm viel zu langweilig, allein mit dem Zottelfell durch die Gegend zu traben. Was also liegt da näher, als den Nachwuchs zur Begleitung zu motivieren? Diese geniale Motivationsaktion dauerte locker anderthalb Stunden, zumal keiner der Anwesenden sich in die Wallachei rühren wollte, ohne sich zuvor sorgfältigst gestylt zu haben. Ja hallo?
Als ob auch nur ein Hahn danach krähte, ob die Locken weich und wallend fallen, der Lidstrich stimmt oder das Deo frisch genug riecht, wenn man durch die herbstlichen Wälder stromert. Unglaublich!
Als dann alle mehr oder weniger tausendschön das Haus verlassen hatten, konnte ich mich endlich meinem Essen zuwenden, was sich als nicht wenig problematisch erwies, denn das Rouladenfleisch war zwar sehr gut, aber so schmale Roulädchen waren mir noch nicht begegnet. Wie sollte ich denn da wohl Speck und Gürkchen unterbringen?? Es hatte wirklich was von Kunsthandwerk, bis ich die Dinger endlich glücklich im Bratentopf untergebracht hatte.
Nun hätte ich mich ja mal frisch machen können, um auch sonntäglich fein bei Tisch zu sein.
Aber nein, seltsamerweise kam ich auf den glorreichen Gedanken, meine Familie noch mit einem Marmorkuchen zu beglücken, schließlich hatte ich ausnahmsweise alle Zutaten im Haus, Lust zu backen und noch genügend Zeit, so dachte ich jedenfalls.
Beschwingt legte ich los und machte mich daran, die Zartbitterschokolade zu raspeln. Ich weiß ja, dass das ein heikles Unterfangen sein kann, aber es schmeckt einfach viel besser und mit meinem schönen scharfen Börner-Hobel, ein echtes Teufelsding, wow, ging es ratzefatz. Tja, in meiner Euphorie habe ich eine Sekunde lang nicht aufgepaßt, die Schokolade brach an der vorgesehenen Stelle ab und zack, hatte ich mir klasse in den Mittelfinger geraspelt. Es blutete nicht schlecht, aber der Schnitt war nicht so tief und ein Indianer kennt ja keinen Schmerz, also rasch verpflastert und, ich gebe es zu, nur noch halb so munter an den Rest gemacht. Ich war fast fertig, da... genau... diesmal traf es den Zeigefinger... deutlich schlimmer, denn was ich unter dem Blut sehen konnte, die Kuppe ließ sich ziemlich weit abheben. Brrr.
Eine Weile lang habe ich erstmal fröhlich alles vollgeblutet, mir überlegt, was ich jetzt wohl mache, denn beim letzten Mal als ich mir mit dem Vorgängermodell in die Finger säbelte, sind die Kuppen angenäht worden... aber sonntags zum Notarzt, bäh... und in meinem verquarzten Zustand?? Nee, das ging gar nicht. Also habe ich mutig die Kuppe ganz fest aufgedrückt und oh Wunder, es blutete dann nicht mehr so stark. Das Ganze habe ich in mühevoller Kleinarbeit soweit fixiert, dass ich in der Küche weitermachen konnte. Heldenhaft, oder?? Ich fand mich jedenfalls sehr tapfer und wartete auf die Gelegenheit meiner Familie davon zu erzählen.
Als die zurückkehrte, hatte ich mich halbwegs beruhigt und jonglierte nur noch ungeschickt in der Küche herum... aber keiner bemerkte, dass irgendwas nicht stimmte....
Stattdessen wurde mir aufgeregt mitgeteilt, dass unser Hund beinahe abgesoffen wäre, denn dieser Ausbund an tierischer Klugheit hatte sich durstig an einen Teich begeben, ist dort schlabbernder Weise ganz reingerutscht und kam dann dank fehlenden festen Ufers ohne Hilfe nicht mehr raus. Auf selbige mußte er aber wohl geraume Weile warten, weil meine Mannen den Ernst der Lage erst recht spät registrierten. Super. So ein durch und durch verschlammerter Briard ist eine echte Augenweide... aber wenigstens lebte er noch ;-)
Angesichts solch lebensbedrohlicher Erlebnisse, machte ich mir gar nicht mehr die Mühe von meinem Vormittag zu erzählen.
Das Essen war ein Genuß, wie alle - einschließlich des besten Freundes meines Sohnes, der nicht nur mitspaziert war, sondern auch gleich zum Essen blieb und meine Hoffnung, dass ich mir so wenigstens Montag das Kochen sparen konnte, im Keim erstickte - mir versicherten. Was wollte ich mehr??
Hm, zumindest den Kuchen hätte ich mir getrost sparen können, da ich sinnigerweise nur Vollkornmehl im Haus hatte, was dem Geschmack recht abträglich war. Mein Blutopfer war also reichlich überflüssig, was mich besonders ärgerte.
Muss ich anmerken, dass meine Kinder erst irgendwann abends bemerkten, dass ich mich verletzt hatte, weil im Badezimmer doch noch der ein oder andere Blutspritzer zu entdecken war?
Ich glaube, wenn ich unsichtbar und stumm wie ein Geist hier durch die Gegend schweben würde, wäre es für sie auch okay, solange nur alle ihre Bedürfnisse ohne Verzögerung befriedigt werden.
Es ist Zeit, dringend an meinem Selbstverständnis zu arbeiten. Oder?? |
Comments on 'zum Beispiel...'
Refresh
Wieder wunderbar geschrieben, ich hatte diese Alltagsberichte schon sehr vermisst... :-)))
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Yep, vor allem ein Schmeichler mit guter Schokolade... :-D
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Ich weiß besonders letzteres zu würdigen, glaube mir!! ;-)
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