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Armin Meiwes - Mörder oder Opfer der Gesetze?

2006/01/26
Als ich vor ca. 2 Wochen im Nachtjournal gesehen habe, dass kurz darauf der so betitelte "Kanibale von Rotenburg" Armin Meiwes wieder vor Gericht aufkreuzen muss, wusste ich nicht, was ich davon halten solle.
Vor wenigen Jahren noch zu Totschlag verurteilt, muss er nun in der Revision die Anklage hören, die "Mord" lautet.
2001 hatte Meiwes seiner Internet-Bekanntschaft, dem zur 'Tatzeit' halb betäubtem Diplom-Ingenieur Bernd Jürgen B. aus Berlin, anscheinend mit dessen Einwilligung zunächst das Glied abgeschnitten und vergeblich versucht, es zu essen. In der Nacht schnitt er ihm dann angeblich vor laufender Kamera (weshalb der Prozess auch neu aufgewühlt wurde) die Kehle durch und tötete ihn damit. Anschließend zerlegte er den Berliner. In der Folgezeit aß Meiwes etwa 20 kg des Menschenfleisches seines "Opfers".

Die Geschichte dürfte soweit fast jedem bekannt sein.
Aber in wieweit kann man nun wirklich von Mord reden? Eine Gewissensfrage? Handelt es sich nur um Mord im juristischen Sinne, laut irgendwelchen Gesetzen von Menschenhand verfasst, gemäß dem allgemeinen und mehrheitlichen Denken der Gesellschaft?

Ich habe dies in der offiziellen PlayStation LIGA (www.playstationliga.de) kurzerhand zum Anlass genommen, um einfach mal ganz provokativ eine bekannte Fotografie des "Kanibalen von Rotenburg" als Benutzerbild einzustellen, um zu sehen, wie die Leute dort, stellvertretend für die Gesellschaft, reagieren.
Und interessanterweise gestaltete sich das Feedback ganz unterschiedlich. Während manche nur im Forum fragten, wer das denn sei, und die Admins sich quasi gar nicht dazu äußerten (gingen sie dem brisanten Thema aus dem Weg?), erhielt ich einige PMs von Usern. Die einen schrieben nur "LOL, geiles Ava", die anderen fragten nach dem Sinn und was dies denn soll. Auch von Imageverlust meiner Person war die Rede. Im FIFA Forum ging es sogar noch direkter zur Sache:
"@VS
dein ava is ganz schön makaber .. findest du solche leute toll??"
"Jo (...), hab ich mir auch schon gedacht.
Hat schon nix mehr mit Sarkasmus oder Ironie zu tun."
"Aber egal wer auf solche perversen Typen steht,sich ein Bild dahinmacht !?
weiss nicht einfach nur ... naja vieleicht isser ja auch so einer"
Ja, genau auf solche Antworten hatte ich gehofft :D . Emotional ehrliches Feedback aus freien Stücken heraus, wie man selbst darüber denkt.

Aber noch einmal die Frage: Armin Meiwes - wer ist das? Mörder oder Opfer der Gesetze?
Es gibt traditionelle Stämme im südamerikanischen Urwald, da wird man nur zum "Mann", wenn man den Kopf eines Mannes aus dem Nachbardorf mitbringt.
Fakt ist, der Mensch ist ein Tier. Wir essen i.d.R. Fleisch, viele von uns von der Niere über die Schweineleber bis hin zum Herz alles. In keiner schwäbischen Gaststätte darf eine Hirnsuppe auf der Tageskarte fehlen!
Auf der anderen Seite gibt es Tiere, die verspeisen ihre Artgenossen. Warum wird also bei Herrn Meiwes eine solche ablehnende Reaktion gezeigt? Warum ist seine Tat ein solches abstoßendes Tabu in der Gesellschaft? Meine Antwort: Weil die Gesellschaft über Jahrhunderte so geprägt wurde, in eine feste Ansichtsweise gedrängt. Leute, die "anders" sind, werden ausgestoßen und verurteilt. Weil irgendjemand diese gesellschaftlichen Normen aufstellt. Auch ich folge dem Strom und bin "natürlich" auch so geprägt, dass ich sage "Igitt, wie kann man nur?! Wie abartig, wer sowas tut"! Aber warum abartig? Weil es sonst niemand tut? Wenn der andere einwilligt, warum wird Armin Meiwes trotzdem bestraft? Und jetzt lautet die neue Anklage wieder auf "Mord"! Es soll doch das Recht eines jeden sein, zu gehen wann er will und wie er will, solange andere Unbeteiligte keinen Schaden davon nehmen. Wenn Herr Meiwes also zum Mord verurteilt wird, Herr Bernd Jürgen B. aus Berlin aber auf freiwilliger Basis ermordet wurde, dann respektiert man doch strenggenommen den letzten Willen eines nun toten Menschen (!) nicht, und tritt ihn somit wiederum respektlos mit Füßen. Wie gesagt, ich selbst bin auch so geprägt, dass ich von "abartig" rede, jedoch versuche ich das ganze trotzdem noch etwas objektiv zu sehen, und mit keinem Denken, dass mir als sogenannte Selbstverständlichkeit aufgezwungen wurde! Heutzutage nennt man Neger Schwarze, Schwarze heißen nun sogar Farbige (sind wir selbst ja auch), Farbige dürfen Bus fahren, es gibt FKK-Strände, Schwule dürfen heiraten.. Selbstverständlichkeiten gilt es meiner Meinung nach für sich selbst zu finden, und nicht ohne zu hinterfragen alles anzunehmen, wie es bisher oft war. Wer sich den Ketten hingibt, der verliert die Fähigkeit eigenständig zu denken! Wenn man immer alles akzeptieren und hinnehmen würde, dann hätten wir heute noch eine Monarchie mit einem König und einem Hofstaat, in dessen jeder ein Diener darstellt.. und der "Neger" müsste heute noch zu Fuß mit der Peitsche vorangetrieben die Einkäufe seines Herrn erledigen!

Wie steht ihr dazu?
Machen nur die Gestze der Menschen, die in strikter Auslegung gesellschaftliche Tabus verurteilen, Armin Meiwes zum Mörder? Ist er selbst inzwischen das Opfer, der Medien, dem Entsetzen der Gesellschaft und der Justiz? Oder gehört er einfach nur weggesperrt wie ein wildes Tier?
Ich freue mich über jede offene aber durchdachte Antwort.

PS: Und das Grinsen auf dem Ava owned trotzdem :P
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Comments on 'Armin Meiwes - Mörder oder Opfer der Gesetze?'
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maxpower maxpower
2006/01/26
Wir hatten ja auch kurz mal darüber gechattet und auch in der PSL hab ich die Reaktionen teilweise mitbekommen. Ich persönlich habe mich beim ersten Urteil schon gewundert, dass es "nur" eine Verurteilung wegen Totschlags war, auch wenn mein Strafrechtsunterricht nicht dem eines Jurastudenten entspricht, maße ich mir mal an juristisch gesehen zwischen Mord und Totschlag unterscheiden zu können (auch wenn diese Unterscheidung eigentlich keinen Sinn macht...egal, andres Thema).

Ich finde es schon interessant, was du für Fragen in deinem Text aufwirfst.

Wenn man sich die Entwicklung unserer Zivilisation anschaut, dann haben wir es zwar noch nicht geschafft völlig friedlich miteinander zu koexistieren, aber immerhin haben wir aufgehört uns gegenseitig zu opfern/essen/aufzuspießen etc. (mal von einigen Ausnahmen abgesehen).

Der Vergleich mit Tieren ist natürlich naheliegend, aber Tiere besitzen kein Gewissen, Tiere werden von instinkten geleitet. Insofern heben wir Menschen uns dann doch vom Tier an sich ab. Genau wissen kann es keiner, ob ein Hai nicht doch darüber nachdenkt, wenn er mal seinen Artgenossen in die Flosse beißt, das liegt aber außerhalb meiner Vorstellungskraft und meines Weltverständnisses ;)

Ich denke Armin Meiwes kann nicht ganz richtig ticken im Oberstübchen, irgendwas in seinem Leben muss dermaßen schiefgelaufen sein. Bei seinem Opfer gilt das selbe.

Sicherlich ist das Maß an Perversion in unserer Gesellschaft unerschöpflich, es wird immer wieder einen neuen Fetisch geben, dem sich Einzelne oder Gruppen unterwerfen, aber es sollte nunmal gewisse Grenzen geben.

Diese Grenzen müssen von irgendwem irgendwann mal gesetzt werden, um ein "miteinander" zu ermöglichen. solche Grenzen können Traditionen, Bräuche, oder auch Gesetze sein....

Für mich ist das Bedürfnis einen Menschen zu essen genauso pervers, wie sich an Kindern oder Tieren sexuell zu vergehen.

Auch wenn Jürgen B. einwilligte, bzw. darum bat gegessen (eigentlich sollte man gefressen schreiben) zu werden oder/und getötet zu werden, so heißt das noch lange nicht, dass man seinem Wunsch straffrei nachkommen darf.... Da sind wir wieder bei den Grenzen gesellschaftlichen Zusammenlebens angekommen...

Von daher gehört der Typ eingesperrt bis ans Ende seiner Tage! Bliebe es beim jetzigen Urteil, wäre Armin schon in ca. 6 Jahren wieder auf freiem Fuß... Wölltest du Armin als Nachbar haben??

Ich merke selbst beim Schreiben, dass es tierisch schwierig ist (zumindest für mich), vernünftig zu argumentieren. Ich hoffe ich hab meinen Standpunkt dennoch einigermaßen klar dargestellt.

Um deine Frage abschließend zu beantworten: Armin Meiwes - Mörder

Das Foto ist trotzdem genial, dieses Grinsen läßt die Person Armin M. in einer eigenartigen Weise auf den Betrachter wirken....

helgesmutter helgesmutter
2006/01/27
Ich finde, so ein Foto sagt überhaupt nichts aus. Es gibt zahlreiche Fotos von noch viel schlimmeren Typen (Serienkiller), die genauso grinsen oder auch nicht. Und es gibt noch viel mehr Fotos von Nicht-Mördern wie du und ich, die auch dämlich grinsen oder auch nicht.

Der Typ ist eindeutig krank und gehört weggesperrt! Es gibt eben Leute, die gewisse Dränge verspüren, sich rosa Latexstrümpfe anzuziehen, Sex mit einem Kind oder einem Tier zu haben oder eben jemand anderen zu verspeisen. Und wenn sie diesen Drang nicht unter Kontrolle halten können, d.h. sie wissen ja, wenn etwas davon gegen das Gesetz ist, dann sind sie krank und stellen eine Bedrohung dar.

Für mich ist es außerdem eine Frechheit, sich dann noch hinzustellen und die Befriedigung seine Lüste so hinzustellen, dass man ja nur nach dem Wunsch des anderen gehandelt hat.

Wenn er unbedingt Menschenfleisch essen will oder muss, dann soll er sich einen Job in der Pathologie besorgen und dort immer mal ein paar Gramm Fleisch abzweigen. Dazu muss man doch niemanden umbringen. Und der Typ, der umgebracht werden wollte, hätte das auch selbst machen können.

drb drb
2006/01/27
sehr interessanter blogeintrag!!!

die aufgeworfenen fragen (mord vs totschlag, norm vs perversion, freiheit des individuums, etc. etc) und deine gedanken dazu verdienen eine dezidierte kommentierung ... wird kommen!

aber auf jeden fall: 6 sterne plus für diesen beitrag!!

Obsi Obsi
2006/01/27
der linke sieht find ich aus wie toni cipriani

Annö Annö
2006/01/27
wohin es führt wenn menschen sich nicht an ihre selbstgemachten regeln halten, zeigt jede art von gewalt, die immer leid verursacht. jeder mensch der sich nicht an grundethische und logische verhaltensregeln seiner gesellschaft hält, verursacht ebenso leid. leid erkennt jeder mensch als schlecht an, warum also es noch verschärft produzieren? ist ein mensch krank, so kann er sich seine eigene wirklichkeit / ethik zurechtlegen, aber man muss ihm helfen. das soll nicht heissen, dass es eine wahre wirklichkeit für alle menschen gibt, aber menschen töten ist die wurzel des leids, und somit ist die frage ob meiwes ein mörder oder ein totschläger ist nur eine auslegung des strafrechts, nicht aber der logischen ethik.
SO, und nun wiederlegt mich bitte, weiss schon gar nicht mehr wo ich angefangen hab :)

Virtual Virtual
2006/01/28
Wow! So viele ausführliche Comments. Da wird man ja wieder richtig zum Nachdenken angespornt.
Besonders interessant finde ich Annes Ausführung. Weiter leite ich daraus auch Andeutungen darauf ab, dass man Tabus ansprechen anstatt ignorieren muss, um zu versuchen, die Sichtweise solcher Menschen nachzuvollziehen und ihnen im Umkehrschluss nur mit diesem Ansatz helfen zu können!

Also an dieser Stelle einen Dank an alle, die sich mit teils unterschiedlichen Sichtweisen hier eingeschaltet haben und die Diskussion fördern!
Ich bin weiterhin auf Eure Meinungen gespannt.

Nun noch kurz zu Max Einwurf, ob ich Armin Meiwes als Nachbar wöllte: Ich denke, solange ich ihm deutlich mache, dass ich anders gepolt bin als er, ließe er mich auch in Ruhe. Ich schätze ihn als eher zurückhaltend und eventuell kontaktscheu ein.


Aber um nun noch eine andere Frage in den Raum zu werfen: Warum ist das Töten eigentlich dann ok, wenn ein einzelner mächtiger Mann plötzlich sagt, es sei Krieg? Dann kann jeder ins Kriegsgebiet hinkommen und einen Menschen mit Waffe niederschießen, und es ist nicht nur in Ordnung, sondern wenn er zurück kommt wird er auch noch geehrt.

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